Kultur : KURZ & KRITISCH

Jörg Königsdorf

KLASSIK

Melo

für Mezzo-Sopran

Einst haben sie ihn gehasst, jetzt respektieren sie ihn, und vielleicht werden sie ihn bald sogar lieben: Die allmähliche Annäherung des Klassikpublikums an die Musik Arnold Schönbergs zeigt, dass die Hartnäckigkeit, mit der Dirigenten die Werke des Zwölftonmeisters seit einem halben Jahrhundert aufführen, irgendwann doch ihr Ziel erreicht. Auch in der ausverkauften Philharmonie gibt es für die Variationen Opus 31 etliche Bravo-Rufe und enthusiastischen Beifall. Zu Recht, denn so klar und präzis dürfte dieses Stück bislang nur selten gespielt worden sein. In drei Konzertprogrammen hat Kent Nagano in den letzten Wochen die Zwischensumme seiner Arbeit beim Deutschen Symphonie-Orchester gezogen – die Gegenüberstellung von Schönbergs Variationen und Debussys spätem, nicht weniger heiklem Ballett „Jeux“ zeigt auf faszinierende Weise, wie Nagano sein Orchester startklar für das 21. Jahrhundert gemacht hat. Einst Schrecken aller Orchester, klingt Schönberg beim DSO nicht mehr wie ein Revolutionär, sondern wie der Erbe von Bach und Brahms – mit der Verbindung aus strenger Satztechnik und romantischer Tonschönheit lässt Nagano das Werk direkt dort beginnen, wo Brahms mit dem Finale seiner Vierten aufgehört hat. Ähnlich überragend gerät „Jeux“, das durchgängig den Charakter fließender, abstrakter Bewegung wahrt – ein anmutiges Spiel, eingetaucht in das mattgoldene Licht eines Spätnachmittags. Es ist der Abend des Orchesters, daran ändern weder der wohltönende Luxus-Mezzosopran von Susan Graham (in Ravels „Sheherazade“ und Bergs „Frühen Liedern“) noch die etwas erschöpfte Dreingabe von „La mer“ etwas. Wenn Nagano 2006 geht, hinterlässt er Berlin ein Orchester von Weltrang.

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ARCHITEKTUR

Animation

für Konsumenten

Wenn an die Stelle von Kultur das Event getreten ist, dann ist dies das Buch der Stunde. Die Architektin Regina Dahmen- Ingenhoven hat ihre zweifellos seriöse Dissertation des Jahres 2000 zu einem Event-Buch hochgejazzt, zu einer Art gedrucktem Zapping durch all das, was in der gegenwärtigen Architektur angesagt ist (Animation – Form follows fun. Birkhäuser Verlag, Basel 2004, 38 €). Aufbereitet mit flotten Textpartikeln, mit orangen Buchstaben auf lilafarbenem Papier und umgekehrt, mit grellbunten dekonstruktivistischen und biomorphen Computeranimationen aus den Büros der entsprechenden Architekturfreaks entstand ein Buch, das fortwährend aus der konventionellen Beschränkung durch zwei Deckel ausbrechen will, eine optische Überwältigungsstrategie, die dem Leser oder eher Betrachter einreden will, dass „heute alles und jeder animiert“ werde. „Ein Entrinnen scheint geradezu unmöglich“, gibt die Autorin die Stimmungslage eines Teils der Branche wieder, um sich auf den folgenden 300 Seiten distanzlos in urbanistisch-konsumanregender Animation zu verlieren, wie sie heute für Shopping Malls, Cine-Center und selbst Zweckbauten wie Flughäfen oder Bahnhöfe kennzeichnend ist. Leider fehlt die Frage, welcher reizgeplagte Konsument all das auf Dauer aushalten soll. Denn darum geht es, jenseits aller gern beschworenen „Fantasie“: um die Brieftasche des Konsumenten. Wenn es eines Beleges für die Richtigkeit von Neil Postmans nun auch schon knapp 20 Jahre alter These bedürfte, dass wir uns zu Tode amüsieren: Dieses Buch liefert ihn. Animiert – aber nicht animierend. Bernhard Schulz

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