Kultur : KURZ & KRITISCH

Thomas Thiel

POP

Bringt gute

Vibrations

Wer daran gezweifelt hat, dass die reflexionsschwere Grundstimmung des neuen Albums „Viel“ nicht die Grundlage für einen schmissigen Live-Auftritt sei, braucht in der Berlin Arena nur Sekunden, um den Irrtum einzusehen. Zwar treten die Fantastischen Vier nach einigen Jahren Pause und diversen Solo-Projekten als gereifte Rap-Noblesse auf, die sich dem HipHop nur noch halb verbunden fühlt und sich vom Funk zum Reggae einen variantenreicheren Weg durch die Stilarchive bahnen will. Aber schon das Intro bringt die Halle zum Vibrieren. Auf ergonomischen Sitzmöbeln räsonieren die vier über „Pipis und Popos“, eskortieren das nachdenkliche „Sommerregen“ mit sanften Streicherakkorden und kehren in „Troy“ wieder zu ihren krachenden Kernkompetenzen zurück. Weil aber der sympathisch-ernsthafte Smudo, der verspielte Thomas D., der lässige Michi Beck und der in Stein gemeißelte Andy Y. die grundlegenden Dinge des HipHop schon immer ein bisschen besser beherrschten als ihre Konkurrenz, weil sie stets eine Spur wortgewandter, selbstironischer, charismatischer wirken, läuft das Konzert wie ein gut synchronisiertes Familienunternehmen.

* * *

KLASSIK

Klingt nach

Zukunft

Die Berliner Symphoniker sind die Gallier der Berliner Musikszene – und Lior Shambadal ist ihr Obelix. Übermenschliche Kräften kann das Orchester gut gebrauchen. Seit der Senat den Symphonikern die Subventionen entzogen hat, spielen sie ums Überleben. Wie schön, wenn der Saal bis auf den letzten Platz gefüllt ist, wie beim jüngsten Auftritt im Konzerthaus am Gendarmenmarkt. Einen lichten, sonntäglichen Mozart-Klang setzen die Musiker dem Novemberhimmel und ihrem eigenen dräuenden Schicksal entgegen, eloquent dialogisierend, frei von jeder Rokoko-Zuckrigkeit. Von der Solistin in Mozarts Klavierkonzert Nr.27, Maria Littauer, ist zu vermelden, dass sie zugunsten des Orchesters auf ihre Gage verzichtet. Nach der Pause dann Schuberts große C-Dur-Sinfonie, ein ideales Stück für Chefdirigent Shambadal. Der forscht nicht dem armen Franzl nach, sondern präsentiert die Partitur als herrlich kraftvolles Meisterwerk eines Mannes, der die Musikwelt revolutioniert hätte, wäre ihm nur ein wenig mehr Lebenszeit vergönnt gewesen. Da darf der Paukist mächtig die Felle bearbeiten, die Blechbläser strahlen um die Wette, die Streicher jubilieren, Oboen und Klarinetten steuern Lebensbejahendes bei. Das klingt gut, das macht Mut. Auch für die Zukunft dieser tapferen Musikertruppe. Frederik Hanssen

0 Kommentare

Neuester Kommentar