Kultur : KURZ & KRITISCH

Jens Hinrichs

KUNST (1)

Armee der

Flaschengeister

Auf den ersten Blick sehen sie ulkig aus, die Ein-Mann-Zelte, geschneidert von der indonesischen Künstlerin Mella Jaarsma. Als Zwitter zwischen Behausung und Kleidungsstück weisen sie auf das Gehetztsein des „mobilen“ Flüchtlings hin. Schlüpft der Betrachter gar selbst in die wandernde Hülle, erfährt er sie am eigenen Leib, die wohl bitterste Arbeit der an Ironie und Nachdenklichkeit nicht armen Ausstellung „Identität versus Globalisierung?“ im Ethnologischen Museum (Lansstraße 8, bis 30. Januar) .

Die Schau präsentiert die Vielfalt zeitgenössischer Kunst in Südostasien und präsentiert 60 Installationen, Videos und Malereien aus 10 Ländern. Fragen nach Risiken und Nebenwirkungen der Globalisierung werden individuell beantwortet: Während Tiffany Chung mit seerosenartigen Bodengewächsen eher lustvoll auf die Beschleunigung in ihrer Heimat reagiert, weist ihre Landsmännin Ly Hoang Ly auf den Zwiespalt vietnamesischer Frauen zwischen Erwerbsdruck und Selbstfindung hin. Es sind die skulpturalen Arbeiten, die dem Betrachter Denkanstöße geben, während Gemälde aus Burma, Malaysia, Laos oder Brunei ohne ersichtliches Konzept in Reih und Glied hängen. Das Prinzip der Wiederholung mit ästhetischem Hintersinn beherzigt dagegen Navin Rawanchai Kul aus Thailand, der Fotos von armen Schluckern auf Medizinflaschen gezogen hat und – als Metapher für die im Globalisierungs-Taumel Vergessenen – in einen Vitrinenschrank gesperrt hat. Doch was wird, wenn all die Flaschengeister einmal heraus wollen? en

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KUNST (2)

Kreislauf

der Technik

Am auffälligsten ist das Rauschen. Fast scheint es, als würde man inmitten eines plätschernden Wasserfalls stehen – und doch sind die rasselnden Töne akustisches Erzeugnis modernster Elektronik. 400 Lautsprecher nebst diversen Plattenspielern und Gitarrenverstärkern hat der multimedial arbeitende Künstler Be noît Maubrey zu einem kuppelartigen Raum zusammengelötet. Beim Betreten seiner elektroakustischen Installation „Audio Igloo" rückt das umgebende, unbeheizte Kirchengemäuer in den Hintergrund, so idyllische, ja fast heimelige Atmosphäre verbreitet das Lautsprecherrauschen. Mit der Hörgalerie „Singuhr" in der Parochialkirche (Klosterstr. 67, bis 12. Dezember, Do-So, 14-20 Uhr) hatte sich Benoît Maubrey einen idealen Ausstellungsplatz ausgesucht, um ausrangierten Elektroschrott künstlerisch zu verarbeiten. Die zufällige Harmonie zwischen der igluförmigen Installation und den Rundbögen des kirchlichen Gemäuers scheint da wie eine bewusste Inszenierung.

Die Symbiose von Mensch und Technik ist für Maubrey ein charakteristisches Zeichen unserer Zeit – in seiner Kunst wird das offensichtlich. Veraltete Lautsprecherboxen benutzt er wie architektonische Elemente, den Eisblöcken eines Iglus ähnlich. Eine begehbare und doch flüchtige Mosaikstruktur entsteht daraus. Nur kurzzeitig ist dieser klaustrophobische Raum dem Elektro-Recyclingkreislauf entrissen, einzig für diese Ausstellung zusammengesetzt, um zum Schluss erneut seinen Weg in die Reststoffbearbeitung zu finden. Entspannung von der akustischen Vielfalt der Großstadt wollte der bei Berlin lebende Künstler schaffen. Nimmt man sich Zeit, stehen zu bleiben in dem arrangierten Klangraum, dann geht die künstlerische Absicht auf. Anne Mareile Moschinski

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LITERATUR

Leidenschaft

für das Gedicht

Literatur ist eine prekäre Angelegenheit. Sie bewegt sich entlang eines schmalen Grades, der das Gelingen vom Scheitern trennt. Man muss viel wagen, will man mit ihr etwas gewinnen. Ein Wagnis ist vor fünf Jahren auch die Literaturwerkstatt Berlin eingegangen, als sie das Internetportal lyrikline.org aus der Taufe hob. Wie viel inzwischen gewonnen wurde, hat der „Kindergeburtstag“ im Bürgersaal des Roten Rathauses gezeigt. Bereits 150 Dichter haben auf lyrikline jeweils zehn Gedichte eingesprochen. Man kann sich diese Aufnahmen anhören und gleichzeitig den Text – und seine Übersetzung in bis zu 16 Sprachen – mitlesen.

Wie kaum ein anderes Projekt dient lyrikline damit dem Kulturaustausch, und wie kaum eine andere Institution sorgt die Literaturwerkstatt auf diese Weise dafür, dass deutsche Lyrik im Ausland – ebenso wie ausländische Lyrik in Deutschland – bekannter wird. Es zeigte sich auf der Feier allerdings auch, dass sich nicht nur gute Literatur, sondern auch progressive Kulturförderung eng am Abgrund bewegt. Die Unterstützung durch die Kulturstiftung des Bundes für lyrikline läuft zum Jahresende aus. Auch das Poesiefestival, dieser von der Literaturwerktatt veranstaltete feine Gegenpol zum lauten Literaturfestival, ist gefährdet. So grenzt es an ein Wunder, dass inmitten des beständigen Kampfes um Sponsorenunterstützung und Fördergelder noch kreativ gearbeitet wird. Wahrlich groß muss da die Leidenschaft für das Gedicht sein, für diese, wie es zum fünften Geburtstag hieß, „alphabetische Art, die Makel und Mirakel des Lebens festzuhalten“. Tobias Lehmkuhl

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ARCHITEKTUR

Vorwärts

an der Peripherie

Bis heute überstrahlen die Bauten Josef Plecniks (1872–1957) den Ruf der slowenischen Architektur. Und so kommt auch der Katalog der Ausstellung „Baustelle Slowenien“ (Akademie der Künste, bis 9. Januar, Katalog 12 €) nicht umhin, dem Schüler Otto Wagners ein Kapitel zu widmen. Gleichwohl spielen die Spuren des Altmeisters mit seiner dekorativen Formensprache für die heutige Architektengeneration Sloweniens keine Rolle, die stattdessen an die europäische Moderne anknüpft. 23 Projekte aus den vergangenen zehn Jahren sind in der Ausstellung zu sehen. Sie zeigen neben überzeugendem Formenreichtum eine Vielfalt an Lösungen unterschiedlicher Bauaufgaben vom Autohaus bis zur Villa. Manche Bauten beweisen dabei eine poetische Note, wie der wunderbare Waldfriedhof bei Novo Mesto von Aleš Vodopivec, wo die Rundpfeiler die umgebenden Baumstämme in gebauter Form spiegeln.

Doch da das „Arcadia Lighteware“ Büro- und Geschäftshaus von Sadar Vuga Arhitekti und ihre „Slowenische Industrie- und Handelskammer“ ebenso in Ljubljana wie in Rotterdam oder Paris Furore machen würden, stellt sich die Frage, was das spezifisch Slowenische an der aktuellen Architektur des Landes ausmacht? Im Katalog liefert Miha Dešman eine überraschend einfache Antwort: „Die slowenische Architektur steht Seite an Seite mit der europäischen Architektur, und in manchen Fällen geht sie sogar voran.“ Jürgen Tietz

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