Kultur : KURZ & KRITISCH

Jörg Königsdorf

KLASSIK

Versickernde

Zeit

Wenn Dirigenten die Siebzig passiert haben, geht oft Seltsames mit ihnen vor: Ihre Interpretationen werden immer langsamer. Als wollten sie jedes Detail besonders intensiv auskosten, weil sie ahnen, dass sie einmal endgültig vom Podium abtreten müssen. Wie Klemperer, Celi und Giulini ist auch Nikolaus Harnoncourt , der am 6. Dezember 75 wird, zu einem Apostel der Langsamkeit geworden – hat das (immens produktive) Provozieren mit dem Zelebrieren vertauscht. Kaum von der Stelle bewegt sich Schuberts sechste Sinfonie in der Philharmonie , der quirlige, von Rossinis kantablem Drive inspirierte Melodienstrom fließt nur mehr in Zeitlupe. Immer wieder schraubt Harnoncourt die ohnehin schon sehr mäßigen Tempi herunter, um bei einem schönen Bläsersolo zu verweilen oder sich jede Note eines Seitenthemas durch die Finger rinnen zu lassen. Doch die Magie stillstehender Zeit, die ein Celibidache beschwören konnte, steht Harnoncourt nicht zu Gebot. Statt Energien zu stauen, lässt er sie lediglich versickern. Auch bei der „Unvollendeten“ spielen die Streicher meist mit niedrigstmöglicher Spannung, die Tuttiakkorde, die Harnoncourt nach altbewährtem Rezept immer wieder knallig in den Melodieverlauf hineinbratzen lässt, werden nur unscharf artikuliert und plumpsen zwischen die Reihen der Berliner Philharmoniker statt das Geschehen voranzutreiben. Lediglich Michael Schade erinnert mit seinem kernig strahlenden Tenor in vier eingestreuten Arien daran, dass Schubert ein rastloser Romantiker war, der immer darum kämpfte, das Übermaß seiner Empfindung in eine musikalische Form zu zwängen (Samstag, 20 Uhr, und Sonntag, 16 Uhr).

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AUSSTELLUNG

Forschende

Augen

Eine merkwürdige Idee: die Landschaftszeichnungen von Goethe und Günter Grass nebeneinander. Das ist wie Äpfel und Birnen. So recht will sich der Ansatz der im Lübecker Grass-Haus entstandenen Ausstellung „Diesseits und jenseits von Arkadien“ nicht erschließen (Dresdner Bank Berlin, Pariser Platz 6, bis 9. 1. 2005). Die Doppelbegabung der beiden Literaten als einzige Verbindung? Das ist dünn. Umso erstaunlicher, dass es trotzdem funktioniert. Auf viel zu engem Raum und bei Schummerlicht hängen die Sonnenuntergänge und italienischen Landschaften Goethes neben den Schneckenbildern, Ratten und indischen Müllhalden von Grass.

Die einzelnen Blätter hat Kurator Kai Artinger sorgsam ausgewählt. Sie stellen den jungen Grass gegen den jungen Goethe und konterkarieren Goethes schön- begeisterte Natur mit den von Menschenhand zerstörten Landschaften bei Grass. Natürlich ist ein direkter Vergleich der Arbeiten gar nicht möglich. Erhellend ist vielmehr der Einblick in die Augenarbeit der beiden Dichter. Beide haben sich Natur und Realität sehend erarbeitet, um sie später mit Worten zu beschreiben. Manche Details konnten sie wohl nur wahrnehmen wegen der literarischen Bilder im Kopf. Diese Ausstellung lockt nicht mit brillanten Zeichnungen, sondern mit unbekannten Kapiteln in zwei dichterischen Werken. Birgit Rieger

LITERATUR

Abwesende

Göttin

Vorbei die Zeiten, in denen Begeisterte mit bloßen Füßen auf ihrem Sprachteppich herumtrampelten. Als wenige Tage vor der Verleihung der Nobelpreis-Urkunde in Stockholm – zu der die Autorin erklärtermaßen nicht anreisen wird – der schwedische Botschafter Carl Tham in Berlin Elfriede Jelinek die Ehre gab, war der Ton feierlich und gesetzt.

Die Schaubühne hatte ihre gute Stube frei geräumt. Eine Mailbox-Message der diva abscondita schallte aus dem Schnürboden. Zwei unschuldige Klavierspielerinnen musizierten, und ausgesuchte Schwärmer wie Sigrid Löffler rühmten die Klischeezertrümmerin mit „gnadenlos zugespitzten“ Jelinek-Klischees. Freundlich und ehrpusselig ging’s vonstatten. Aberwitzig bei einer Autorin, die der Sprache alle Feierlichkeit ausgetrieben hat. Eine verräterische Idylle. In ihrem grandiosen Bühnen-Erstling „Was geschah, nachdem Nora ihren Mann verlassen hatte“ hatte Elfriede Jelinek die Tür zum bürgerlichen Kammerspiel mit allen bösen Mädchenkräften noch wütend zugeschmettert. Nun kehrt sie ins Puppenhaus zurück und wird mit offenen Armen empfangen. Wir sind gespannt auf ihre weitere Vergipsung. Stephan Schlak

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