Kultur : KURZ & KRITISCH

Daniel Völzke

POP

Solo an

einer Straßenecke

Wenn Musik lebendig ist, dann schwitzt sie. Bei The Roots in der Columbiahalle trieft es aus jedem Basslauf, Hammondsolo, Gitarrengezerre: Die sechs Musiker gönnen sich keine Pause. Als Herz in diesem Klangkörper thront Questlove hinter seinem Schlagzeug. Der Rhythmus treibt die Band in dem zweistündigen Jam von Song zu Song. Die Euphorie retten sie dabei immer wieder hinüber – weiter, immer weiter. Im Gegensatz zu vielen HipHop-Kollegen benutzen The Roots kaum Samples und keine Drum- Maschinen. Das macht sie zu einer großartigen Liveband. Wenn sie HipHop- Klassiker covern, legen sie deren Wurzeln frei. Beim langen Solo des Bassisten Hub stehen seine Bandkollegen angelehnt und schauen zu. Die Bühne wird zu einer Straßenecke in Philadelphia, der Heimatstadt der Roots. Nur gegen Ende packen sie die großen Posen aus: Capt. Kirk Douglas führt einen Gitarrenexzess vor, als kandidiere er für einen Hendrix- Ähnlichkeitswettbewerb. Dann treten die Musiker ab und schmeißen ihre Handtücher in die Menge, wo Fans sich die schweißnassen Devotionalien zu entreißen versuchen.

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KLASSIK

Duo für

höhere Töchter

Ausgerechnet Johannes Brahms sorgt mit seinem „Schwestern“-Duett bei den Zugaben doch noch für einen Hauch von Humor am Doppelliederabend von Barbara Bonney und Angelika Kirchschlager in der Deutschen Oper . Ansonsten herrscht eine Atmosphäre von gut auswendig gelernter „Höhere-Töchter-Kunst“. Ach, hätten die beiden ihr Programm bloß auswendig gelernt! Bis zu den Ohren stecken sie in den Noten und bemühen sich mit Erfolg um die schöne musikalische Linie in einer Reihe verwechselbarer Duette aus dem 19. Jahrhundert. Todernst zelebriert das Duo sogar die frivolen Lieder Rossinis, doppeldeutige Untertöne interessieren sie nicht. Da ist viel von Liebesleid die Rede und ein wenig auch von Liebesfreud, gedämpfte Stimmung weht durch den dämmrigen Salon. Dabei haben sie mit Malcolm Martineau den derzeit wohl besten Begleiter am Flügel sitzen, er gibt Impulse, ohne sich aufzudrängen, gibt der Musik jenes sehnende Verlangen, das dem Gesang völlig fehlt. So ziehen die hübschen Melodien gepflegt am Publikum vorüber. Uwe Friedrich

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