Kultur : KURZ & KRITISCH

Daniel Völzke

COMEDY

Kopulieren

mit Saugdüsen

In dämonisches Licht getaucht, lässig angelehnt, steht er auf der Bühne: der Staubsauger „Kobold“ der Firma Vorwerk. Im Laufe dieses Abends wird der Zuschauer immer wieder schaudernd auf dieses Haushaltsgerät blicken. Der Schauspieler Christoph Maria Herbst und die momentan streikende Viva-Moderatorin Charlotte Roche lesen beim Quatsch Comedy Club im Friedrichstadtpalast eine Doktorarbeit aus dem Jahre 1978 mit dem Titel Penisverletzungen bei Masturbation mit Staubsaugern (heute um 20.30 Uhr und 23 Uhr, Friedrichstr. 107). Diese medizinische Arbeit, an der TU München geschrieben, versammelt 16 Fälle von unfreiwilliger Selbstverstümmelung meist älterer Männer mit niedrigem Bildungsniveau.

Beim Modell „Kobold“ befindet sich der Motor so nah an der Saugdüse, dass der erregierte Penis „je nach Motorleistung unterschiedlich traumatisiert wird“. Das umschreibt die Folgen dieser Lustsuche eher vorsichtig: Eingeblendete Bilder zeigen furchtbar zugerichtete Fleischbatzen, die nur noch fern an männliche Geschlechtsteile erinnern, die Roche am Beginn der Lesung so charmant als schematische Darstellung präsentiert. Herbst liest die Wissenschaftsprosa süffisant, während Roche nie das breite Grinsen verliert. Schrecklich amüsant – doch hinter den Bildern erahnt man Tragödien der Einsamkeit.

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KLASSIK

Sturm

im Wasserglas

Wer zu Gast sein will bei Clara und Robert Schumann, der stelle sich bitte kein heiteres Kränzchen vor. Vielmehr einen Raum, der von sirrenden literarischen Geistern erfüllt ist, ein hochromantisches Magnetfeld, selbst in Wassergläsern stürmt es. Der den Schumanns gewidmete Philharmonische Salon fängt im Kammermusiksaal nicht nur das literarisch-musikalische Doppelporträt des Künstlerpaares ein, er konfrontiert auch dessen hochfliegendes Liebesideal mit dem Ehealltag. Waren im langen, Herz zerreißenden Kampf um eine gemeinsame Zukunft alle Sensorien – geheime Briefe, musikalische Zitate – auf eine geistige Verbindung von Clara und Robert gepolt, so schlägt die Rollenprosa des Ehetagebuchs bald einen biedermeierlichen Tonfall an. Udo Samel entdeckt bei Robert die gekalkte Kehrseite des Künstlertraums, während Imogen Kogge Claras leiser Verzweiflung eine Stimme schenkt.

Dazwischen spukt die wunderbarste Musik, singt von bedingungsloser Frauenliebe und Sturmnacht (hingebungsvoll: Stella Doufexis), erschafft eine Schar gleichgesinnter Davidsbündler (mit viel Gefühl: Cordelia Höfer am Klavier). Dann schließen sich die Türen des Salons wie von Geisterhand. Ulrich Amling

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