Kultur : KURZ & KRITISCH

Jürgen Tietz

ARCHITEKTUR (1)

Wie Norman Foster

in Mailand baut

Nun stimmt auch Mailand in den Chor der europäischen Metropolen ein, die das hohe Lied ihrer Modernisierung singen. Die Ausstellung Mailand und Lombardei. Architekturen der Zukunft im Kulturforum (bis 16. Januar, Katalog) führt eine Auswahl von Großprojekten vor, die die Stadt in eine Bühne für die „global player“ der Architekturszene verwandeln. Höchst fraglich ist allerdings, ob die Räume der Stiftung Preußischer Kulturbesitz die richtige Adresse für diese Mailänder Selbstdarstellung ist, die auf kritische Analyse verzichtet.

Wichtigstes Großprojekt ist Massimiliano Fuksas neue Messe am Rand der Stadt. Indes sind für das alte, innerstädtische Messegelände Neubauten von Zaha Hadid, Daniel Libeskind und Arata Isozaki geplant. Und ebensowenig wie der Hochhausspezialist Cesar Pelli, der eine Modestadt entwirft, fehlt bei diesem heiteren Architekten-namedropping Norman Foster, der den Masterplan für einen ganzen Stadtteil liefert. Doch auch im Bestand wird in Mailand gearbeitet: Mario Botta hat die Scala saniert, der Pirelli- Tower wurde 2002 restauriert und nimmt nun einen Teil der Regionalverwaltung der Lombardei auf. Am interessantesten sind – wie so oft – kleinere Projekte: So hat der Direktor der renommierten Architekturzeitschrift „domus“, Stefano Boeri, ein neues Verlagsgebäude für den Medienkonzern Rizzoli entworfen, und das irische Büro Grafton Architects verwirklicht die Erweiterung der Luigi- Bocconi-Universität.

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ARCHITEKTUR (2)

Wie Henry Ford

nach Mähren kam

Sage niemand, in Berlin gäbe es keine spannenden Ausstellungsorte. Der Rohbau-U-Bahnhof unter dem Potsdamer Platz, der wohl noch Jahrzehnte auf die Fahrt der geplanten Ost-West-Linie 3 warten wird, gehört dazu. Ihn hat sich das aus dem renommierten Architekturfotografen Ivan Nemec und dem Designer Jan Ludwig gebildete Büro cfa nemec ludwig auserkoren, um in dieser black box nackter Betonmauern eine Installation zur mährischen Industriestadt Zlin zu zeigen (Eingang Leipziger Platz, bis 31. Dezember, täglich 10-19 Uhr, Eintritt 7€/5€. Katalog 27 €) .

Zlin war die Schöpfung des Schuh-Großindustriellen Tomas Bata, der hier in den prosperierenden Jahren der Zwischenkriegszeit eine Modellstadt errichten ließ, in der Arbeit, Wohnen und Erholung gleichermaßen Berücksichtigung fanden. Zlin Bata wurde eine Mustersiedlung des Funktionalismus – und mehr noch ein Experimentierfeld sozialer Planung, freilich unter paternalistischen Vorzeichen. Bata war, wie so viele zu seiner Zeit, Anhänger von Henry Ford und seinen Theorien. So war es in Zlin der Unternehmer Bata, der die Vorgaben machte – und die bestanden im Kern darin, die Arbeitsproduktivität und -zufriedenheit durch ein passendes architektonische Umfeld zu fördern.

Die Ausstellungsmacher versuchen augenscheinlich, den Besucher durch schwungvolle Gestaltung in den zeittypischen Optimismus der späten Zwanziger zu versetzen. Das bekommt dem Informationswert der Schautafeln nicht immer. Zlin ist im Westen wenig bekannt – und setzte doch in die Praxis um, was etwa in Deutschland seit 1933 unmöglich wurde. Mittlerweile ist die im Sozialismus – warum eigentlich? – vernachlässigte Stadt Zlin Objekt denkmalpflegerischer Bemühungen. Das „Haus 21“, mit 77 Metern das 1938 höchste der Tschechoslowakei, ist bereits saniert. Eine städtebauliche Vision, die die gesamte europäische Moderne seit den Zwanzigerjahren teilte, ist in Mähren wiederzuentdecken. Bernhard Schulz

KLASSIK

Wie die Seele

vom Reittier steigt

„Seht die Erde blutgetränkt“ oder „Ein Hauch von Unzeit“: Mit dergestalt betitelten Werken stand der Schweizer Komponist Klaus Huber von jeher für engagierte Zeitgenossenschaft ein. Zu seinem 80. Geburtstag präsentierte Heinz Holliger mit dem Ensemble Modern im Konzerthaus nun weniger Eindeutiges. „Erinnere dich an G...“, 1976 für den Kontrabass-Virtuosen Fernando Grillo geschrieben, bezieht Klangreiz und Berührungskraft aus den hauchzarten, teils mikrotonalen Andeutungen etwa von Doppelgriffen, klagenden Glissando-Linien oder Pizzikati. Der Solist Matthew McDonald lässt sie zwischen Ensembleklängen von fragiler Leuchtkraft aufscheinen. Dabei spannt der Werktitel mit dem Buchstaben „G“ seinen Assoziationsraum von „Gautama“ (Buddha) bis „Golgatha“ auf.

Komplexer noch liegen die Dinge in Hubers aufwändiger besetztem Werk „Die Seele muss vom Reittier steigen“, 2002 bei den Donaueschinger Musiktagen uraufgeführt. Die Klangmischungen sind auch hier bestechend, äußerst reizvoll zum Beispiel der Einsatz einiger Barockinstrumente. Walter Grimmers robustem Solocello steht sein sensibler Vorläufer, das Baryton (Max Engel), gegenüber. Mikrotonale Wendungen und Windungen resultieren aus der Auseinandersetzung des Komponisten mit arabischer Musik. Doch hier beginnen auch die Probleme. Wenn etwa Countertenor Kai Wessel seine Melismen mit künstlich gepresster Stimme zelebriert, entsteht doch wieder nur so etwas wie ein orientalisches Klischee.

Mit „Brienzinium“ schließlich schrieb der feinnervig dirigierende Holliger seinem musikalischen Gefährten Huber ein beziehungsreiches Geburtstagsständchen. Dass sich das Ensemble zuvor noch mit den zehn Liedern „Puneigä“ spreizte, strapazierte dagegen die Wahrnehmungsfähigkeit an dem ohnehin überlangen Abend über Gebühr. Isabel Herzfeld

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