Kultur : KURZ & KRITISCH

Isabel Herzfeld

KLASSIK

Enten und

Entertainer

Wohl kaum ein Instrument hat sich so vielseitig entwickelt wie die Klarinette, die vor 300 Jahren als „Lockmittel“ für die Entenjagd erfunden wurde. Im Rahmen der Ausstellung „Faszination Klarinette“ führten Klarinettisten der Berliner Philharmoniker im Kammermusiksaal von den Gipfeln schwermütiger Romantik bis in die unterhaltsamen Niederungen des Jazz. Mit seinem weichen, introvertierten Ton ist Wenzel Fuchs berufener Interpret für das Klarinettenquintett von Brahms. Das ebenfalls philharmonische Amarcord Quartett übernimmt hier den leidenschaftlichen Part und sorgt für feine Klangbalance. Bei Olivier Messiaens „Abîme des oiseuax“ zeigt Fuchs, dass sein Instrument in kapriziöser Vogelstimmen-Imitation auch funkeln und glänzen kann. Walter Seyfarth und Michal Friedlander erfüllen Bernsteins Sonate für Klarinette und Klavier mit frecher Prägnanz. Seyfarth bringt seinen knackigen Ton und rhythmischen Drive genauso überzeugend in den Swing des Klarinettenkonzerts von Artie Shaw ein. Plötzlich blitzt es aus seinen virtuosen Girlanden wie Synagogen-Gesang hervor – Benny Goodman wurde zuerst in einer Synagoge ausgebildet. Es ist Coolness, Eleganz und in der ganzen Virtuosität ein Funken Selbstironie, mit der Karl-Heinz Steffens & Friends das Publikum vom Hocker reißen.

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LITERATUR

Die Mädels

von Kiew

In diesen Tagen ist kaum jemand von ihnen zu Hause. Die ukrainischen Schriftsteller sind nach Kiew gefahren. Während die Manuskripte auf ihren Schreibtischen warten müssen, können sich deutsche Leser endlich über das Werk einiger wichtiger Demonstranten informieren. Zweiter Anlauf heißt die Anthologie, die acht nach 1960 geborene und auf Ukrainisch schreibende Schriftsteller vorstellt (Verlag Karl Stutz. Passau 2004. 196 S., 19,80 Euro ). Darunter sind bekannte Namen wie Oksana Sabuschko, die mit „Feldforschungen aus dem Gebiet des ukrainischen Sex“ Aufsehen erregte und deren Lyrik dezidiert weibliche Töne anschlägt. Oder Taras Prochasko, in dessen überbordendem mystischen Roman „Neprosti“ ein gewisser Franzisk einen „Geruchskalender“ anlegt. Auch Juri Andruchowytsch, dank eines schmalen Bandes kauziger Essays über „Das letzte Territorium“ – seine Heimat Westukraine – fast schon ein alter Bekannter, ist dabei. Hier besingt er das Ende eines Mafioso: „und auf das Pflaster trieft/ein dicker Saft, wie Himbeersirup rot./Die Kugel machte dieses Loch in seinen Hut,/und Fliegen schwirren über seinem Blut,/die Mädels heulen, denn nun ist er tot.“ Es sind Moritaten dieser Art, die in Kiew nicht Wirklichkeit werden sollen. Jörg Plath

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