Kultur : KURZ & KRITISCH

Christina Tilmann

KUNST I

Fünf Minuten

im Lichtermeer

Berlins Brunnen leuchten. Die Straßen leuchten. Und nun leuchten auch Berlins Theater. „Verweile doch!“ prangt in Neonblau vor dem Deutschen Theater, eine Anspielung an Michael Thalheimers umjubelte „Faust“-Inszenierung. Und auch die Berliner Festspiele haben sich dem vorweihnachtlichen Lichterreigen angeschlossen. Licht! Ljus! Lumière! heißt eine Ausstellung, die Lichtinstallationen von sechs Künstlern an der Schaperstraße vereint (bis 31. Januar, an Vorstellungstagen ab 18 Uhr).

Die spektakulärste Installation steht vor dem Haus:Erwin Redl hat vor dem Haus eine Containerbox mit Lichtfäden gefüllt, tausend kleine Lämpchen an langen Fäden, ein funkelndes Labyrinth. „Matrix II“ nennt der Österreicher seine Arbeit, bezieht sich auf Computergrafik, die er ins Dreidimensionale übersetzt. Auch der rote Lichtervorhang, mit dem er die Glasfassade des Bornemann-Baus verhüllt („Matrix X“), spielt mit der durchlässigen Grenze zwischen innen und außen. Weiteres Highlight: Der schwedische Künstler Christian Partos lässt auf der Hinterbühne Leuchtfäden rotieren, bis sie sich wie eine Spirale ins Unendliche verlängern.

Augentäuschungen auch bei der einzigen Außenstelle: Gabriele Heidecker hat mit „Virtual Place“ in ihrer Atelier-Galerie in Tempelhof ein Labyrinth aus Spiegeln und Neonleuchten gebaut, auf- und absteigende Treppen, die ins Unendliche zu schweben scheinen, ein Raum, der fließt (Werner-Voss-Damm 54, bis 19.12., 15 bis 19 Uhr, weitere Termine im Januar). Der chinesische Künstler Du Zhenjun schließlich führt in einer Computerprojektion Menschengruppen mittels einer Lichtsonde durch den Raum. Virtuose Vexierspiele – und das Haus der Berliner Festspiele als leuchtende Zauberkiste.

KUNST II

Fünf Minuten

vor der Ewigkeit

Burda, Flick, Marx, Berggruen, Speck: Das ist nur eine kleine Auswahl der Kunstsammler, die in den letzten Jahren durch große Spenden und Verkäufe von sich reden gemacht haben. Für Museen sind ihresgleichen oft Segen und Belastung zugleich: Denn Sammler wollen hofiert und erhört werden, wollen nicht nur ihren Besitz, sondern auch ihren Namen geben. Im Gegenzug haben sie Schätze zu bieten, die sich öffentliche Einrichtungen selbst nie leisten könnten. Ein heikles Verhältnis, dem sich Peter-Klaus Schuster , Generaldirektor der Staatlichen Museen, mit seinem Vortrag im Hamburger Bahnhof widmete. Er setzt damit die Vortragsreihe Das Geschenk der Kunst anlässlich des 175jährigen Bestehens der Staatlichen Museen fort.

Für wen sein Herz schlägt, daran ließ Schuster keinen Zweifel. Zum Beispiel für den Berliner Bankier und Konsul Wagner, der im Jahr 1861 seine Schenkung von 262 Gemälden der Romantik und des Biedermeier mit der Forderung verknüpfte, der preußische Staat möge ein Museum der deutschen Kunst errichten – was seither als die Geburtsstunde der Alten Nationalgalerie gilt. Sammler, so Schuster, sind wagemutig, avantgardistisch, ungebunden. Sie provozieren, springen dort ein, wo der Staat nicht mehr kann. Und Sammler bringen das Neue ins Museum, das am Ende trotzdem immer der Gewinner bleibt, was Schuster eindrucksvoll mit Zahlen belegte. Von den Wagnerschen Bildern hängen heute noch „fünf und zehn" am ursprünglichen Ort. Den Rest haben die strengen Urteile der Kustoden in die Depots verbannt. Ulrich Clewing

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KLASSIK

Fünf Minuten

im Himmel

Künstler sind eigensinnige Menschen: Ihr Bestes geben sie oft erst dann her, wenn sie es aus freien Stücken schenken dürfen. Auch beim Konzert der Staatskapelle wird ein überraschendes Geschenk zum einsamen Höhepunkt des Abends. Als das Publikum in der restlos ausverkauften Philharmonie nach Mendelssohns erstem Klavierkonzert nicht aufhören will, den chinesischen Klavierwunderjungen Lang Lang zu feiern, schleppen die Orchesterwarte einen zweiten Klavierhocker herbei und legen ein kleines Heft auf den Notenständer: Für Schuberts D-Dur-Marsch setzt sich Daniel Barenboim an Langs Seite, und was sich in diesen knapp fünf Minuten ereignet, ist nicht nur die Erfüllung des Duospiels, sondern offenbart auf berührende Art die menschliche Beziehung dieser beiden Ausnahmemusiker. Natürlich gibt der Mentor Barenboim links im Bass den Marschrhythmus an, und ebenso natürlich kommt die wunderbare schwärmerische Melodie, die im Diskant das Glücksgefühl eines strahlenden Sommernachmittags verströmt, von Lang Lang.

Doch zugleich ist es ein Geben und Nehmen, scheint Barenboim von der herrlich unbefangenen Musikalität des Chinesen angesteckt worden zu sein, verschmelzen beider Stimmen im Mittelteil zu einem atemberaubenden Schubert-Ton schwereloser Wehmut. Fast scheint es ohnehin, als laufe das ganze Abendprogramm auf diesen Kulminationspunkt zu. Als seien Schönbergs wolllüstig ausgespielte „Verklärte Nacht“, Boulez’ schillernde „Notations“ und Strauss’ schneidig exekutierter „Till Eulenspiegel“ und selbst Mendelssohns quirliges, von Lang Lang mit überschäumender Hingabe gespieltes g-moll-Konzert nur luxuriöse Sättigungsbeilagen. Aber was ist das alles schon gegen fünf Minuten im Himmel? Jörg Königsdorf

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