Kultur : KURZ & KRITISCH

Birgit Rieger

KUNST

Im Himmel und

auf Erden

Hans Holbein malte bereits 1532 handschriftliche Notizen in sein Gemälde vom Kaufmann Georg Gisze. Die Dadaisten trotzten mit frei assoziierten Wortreihen den gängigen kunstästhetischen Gesetzen. Die Vorbilder im Text-Bild-Genre sind zahlreich. Und ausgerechnet jetzt, wo man sprechende T-Shirts langsam nicht mehr sehen kann und die Informationsflut einen schier erdrückt, tauchen sie wieder auf, die Texte in der bildenden Kunst.

Die Berliner Künstlerin Rebecca Raue , eine Schülerin von Georg Baselitz und Rebecca Horn, hat das notwendige Gespür dafür. Ganz leicht sehen ihre Text-Bild-Kompositionen aus. Ihre scheinbar spontan gezeichneten Menschen, Tiere und Engel erinnern an Kinderzeichnungen, die mit Kreide geschriebenen Textfragmente an die fragilen Schriftzüge aus Cy Twomblys Gemälden. In der Konrad-Adenauer-Stiftung , die sich als politische Einrichtung der unparteiischen Förderung junger Künstler verschrieben hat, zeigt sie den Bilderzyklus „Zuhause ist für die meisten Menschen sehr weit weg“ (Tiergartenstraße 35, bis 7.Januar). Ob die zahlreichen religiösen Reminiszenzen – Engel, Kelche, Horizonte – dem Ort oder zumindest der Vorweihnachtszeit geschuldet sind? Die Bilder verteilen sich wie eine Reiseroute über drei Stockwerke und führen vom Rücken eines Elefanten, über Wut und Tod zum Himmel. Ein expressives, zartes Künstler-Selbst kommt zum Vorschein, das stets zwei Welten denkt – davor und danach, heute und morgen, lieb und böse.

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FILM (1)

In eine Frau verliebt,

in einen Mann verschossen

Nein, man ärgert sich nicht. Dafür ist der Film zu lieb gemeint. Statt dessen macht er verlegen. Weil man ihm in jeder Minute sein unbedingtes Bemühen ansieht. Wie wenn in der Schule der Klassenletzte versetzungshalber ein Shakespeare-Sonett auswendig lernt – und dann jede Silbe falsch betont.

Zum Beispiel: der Hauptdarsteller. Es ist ja verständlich, dass Colin Farrell von seinem Actionimage loskommen will. Soll er also in die Rolle des unschuldigen Gutmenschen Bobby schlüpfen und, sonst Held der Frauen, mit einer abscheulichen Perücke herumrennen und einen Mann mit der Zunge küssen. Aber muss das alles immer mit Dackelblick sein?

Oder der Drehbuchautor: Anders als bei „The Hours“ hat Michael Cunningham in Ein Zuhause am Ende der Welt (zu sehen im Babylon Kreuzberg, Broadway, Kulturbrauerei und Moviemento) seinen Roman „Fünf Meilen bis Woodstock“ selbst adaptiert. Doch zu fragmentarisch und damit zu ambitioniert erzählt er die Geschichte von Bobby, der als Junge seine Familie verliert und sich stattdessen in eine bisexuelle menage à trois begibt.

Auch der Theater- und Musicalregisseur Michael Mayer hat sich in seinem Film-Debüt arg viel vorgenommen. Nur weiß er mit dem Zeitkolorit der Sechziger, Siebziger und Achtziger nichts anzufangen. Auch gruppiert er seine Darsteller eher hilflos vor der Kamera (neben Colin Farrell sind so eindrucksvolle Schauspielerinnen wie Robin Wright Penn und Sissy Spacek zu sehen). Und wo ihn sogar dieses Drehbuch einlädt, emotionale Risse zu zeigen, übermalt er sie mit lieblich warmen Farben. Julian Hanich

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FILM (2)

In der Unterwelt

und über Tage

Das Abitur ist vorbei. Die Kleinstadtgöre Paula (Alexandra Maria Lara) will mit ihrem Schwarm Max (Wotan Mike Möhring) die weite Welt erobern. Doch am Tag der Abreise lässt Max Paula an der Ausfallstraße von Struvensiel stehen. Aus der Traum.

Zehn öde Jahre später – Paula arbeitet in der Stadtbibliothek und ist mit dem Versicherungsvertreter Edgar (Peter Lohmeyer) verheiratet – geht sie zum Klassentreffen. Bei der Party taucht auch Max auf – und entflammt Paula mit seinen Abenteuergeschichten aufs Neue. Dass er es in Wahrheit nur bis in die Hamburger Unterwelt geschafft hat, erkennt sie erst, als sie ihm hinterher reist und ihn gefesselt in der Gewalt von drei Gangstern findet. Das ist Paulas Stunde: Sie quasselt das Trio in die Flucht.

Dämlich sind die meisten Beteiligten in Cowgirl – und ihre Dummheit ist wohl witzig gemeint. Nur, die angekündigte „actionreiche Liebeskomödie“ hat Mark Schlichter nicht gedreht. Oder sollten damit die quietschenden Reifen gemeint sein oder die Tatsache, dass die Polizei im Hubschrauber anrückt? Derlei gibt’s auch im TV-Vorabendprogramm.

Auch für die Liebe bleibt Paula vor lauter Weglauferei keine Zeit. Mehr als ein mitfühlender Blick ist selten drin – für den immerhin ist Alexandra Maria Lara fast schon Expertin. Wenn dann noch die Geigen vibrieren und Paula wie für ein Teenager-Tagebuch über das Glück zu philosophieren beginnt, ist das Auftauchen von bewaffneten Gangstern geradezu eine Erlösung (in fünf Berliner Kinozentren). Stefan Jacobs

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