Kultur : KURZ & KRITISCH

Christina Tilmann

FILM

Nach Hamburg,

nach Hamburg

Nach Moskau träumen sich Tschechows Schwestern. Von Cuxhaven aus ist Hamburg das große Ziel, kaum eine Stunde Fahrt entfernt und doch so unerreichbar. Der Grund aber ist der gleiche, bei Tschechow wie in Felix Randaus unspektakulärerem und doch sehr explosivem Debütfilm Northern Star : Bloß weg hier, denkt sich die 18-jährige Anke, weg aus dieser Kleinstadt, in der nichts passiert. Am besten gleich rauf aufs Schiff und losgesegelt, egal wohin.

Man kann es ihr nicht verdenken. Sehr aufgeräumt ist Cuxhaven, mit seinen sauberen Straßen und dem ewig grauen Himmel. Unaufgeräumt ist’s nur in Ankes Leben: Der Vater hat sich das Leben genommen. Anke pflegt sein Grab, das ist ihr Terrain, wacht über die Erinnerung und wirft der Mutter den Tod vor. Und diese, des Kampfes mit der rebellischen Tochter leid, hat sich mit dem Pfarrer und Leiter des Kirchenchors eingelassen.

Es ist ein erbitterter Kampf über viele Runden: Lena Stolze gibt der Mutter genug Verzweiflung, um das Recht auf etwas eigenes Glück verständlich zu machen. Der Pfarrer, Peter Kurth, schwankt zwischen Verständnis für die jugendliche Rebellion, plötzlichen Wutanfällen und dem feigen Wunsch, sich aus dem Zweikampf Mutter–Tochter besser herauszuhalten. Und der 24-jährigen Julia Hummer ist die Rolle der Anke auf den Leib geschrieben. Keine hat wie sie diesen harten Blick, der schreit: „Lass mich in Ruh!“ Keine kann so blass und schmal werden vor lauter Willenskraft. Das war schon in Christian Petzoldts „Die Innere Sicherheit“ so und ist hier wieder gut.

Es ist, als könnte man Julia Hummer beim Erwachsenwerden zusehen. Die Mütze tief über die strähnigen Haare gezogen, die Stumpfhosenbeine in klobigen Schuhen und die Fliegerjacke viel zu weit, stampft, nein kämpft sie sich durch den Tag. Gitarre und Hund sind die treuen Begleiter. Doch was sie will, will sie ganz: die Freundschaft mit Ulf zum Beispiel, reicher Eltern Kind, der aus Hamburg zurückkehrt ist, um das Haus der verstorbenen Eltern aufzuräumen. Sehnsuchtsorte, Trauerstunden verbinden die beiden, und dann hat Ulf (undurchsichtig: Nic Romm) noch dieses Boot, die „Northern Star“, die einst Ankes Vater gehörte.

Es ist keine schöne, keine romantische Geschichte, die Felix Randau erzählt. Hässlich, schmerzhaft hässlich sind die Figuren, in ihrer Wut, ihrer Aufsässigkeit. Auf eine sehr deutsche Art, wie das Flachland dort an der Küste, düster und leer. Und doch von eigener Kraft: Denn dass sie am Ende doch wieder allein steht, wird Anke nicht schwächer machen, im Gegenteil. Dieses Mädchen kommt an, wo es will. Lächeln hat es noch nicht gelernt (in Berlin in den Kinos Brotfabrik und fsk).

KLASSIK

Das knistert,

das sprüht

Ja, ja, ein farbiger Maestro ist derzeit noch ungewöhnlicher als eine dirigierende Frau, aber wo Sie jetzt gerade schon beim Hinschauen sind, achten Sie doch bitte auch auf die Bewegungen: Zum Taktstock greift Kwamé Ryan nur, wenn er es unbedingt für nötig hält. Lieber fasst er den Klang mit beiden Händen: modelliert ihn mit fließenden Bewegungen, die aus dem ganzen Körper zu kommen scheinen und mit unverkrampfter Spannkraft abgefedert werden. Ein Energiefluss strömt durch Ryans Interpretationen: Er füllt Pausen mit knisternder Bedeutung und ist auch dort spürbar, wo sich die Stellungen des Dirigenten bei schnellen Emotionswechseln wie im Stroboskoplicht abzuwechseln scheinen.

Der 34-jährige Aufsteiger vermittelt ein Gefühl entspannter, reifer Sicherheit, das die Zuhörer selbst dann nicht verlässt, wenn etwa der Ansatz der saisonbedingt besonders geforderten Blechbläser vielleicht einmal nicht ganz so rein ausfallen sollte. Den Atem darf man dafür anhalten, wenn Ryan den Klang des Berliner Sinfonie-Orchesters im Fortissimo abreißt, und dieses Fortissimo (das wie alle dynamischen Bezeichnungen bei Ryan wirklich seinen Namen verdient) in der gefährlichen Akustik des Konzerthauses steht wie eine Eins. In Hugo Wolfs Michelangelo-Vertonungen (mit dem sicheren und kernigen Bariton von Florian Boesch), in Prokofjews neoklassischer Siebenter und vor allem in der durch die ruhige Ernsthaftigkeit des Zugriffs entkitschten Vierten Sinfonie von Gija Kantscheli beweist der erklärte Fan der deutschen Orchesterlandschaft, dass Kapellmeistertugenden nicht die Spur langweilig sein müssen. Carsten Niemann

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