Kultur : KURZ & KRITISCH

Birgit Rieger

KUNST

Mathilde sprengt

sich in die Luft

Das Böse ist schwarz. Oder ein wildes Tier? Zwei Fremde? Ursula Cyriax und Johanna Michel lieferten den gelungensten der 12 Beiträge zur Ausstellung Das Böse in der Guardini Stiftung (Askanischer Platz 4, bis 28. Januar). Sie schleusten zwei verschleierte Frauen unter das Vernissage-Publikum und zeichneten dies auf Video auf: ein Spiel mit inneren Bildern des Bösen. Die Ambivalenz spiegelt sich auch im Beitrag der in Straßburg geborenen Mathilde ter Heijne. Sie inszeniert seit Jahren verschiedene Arten von Selbstmord mit lebensgroßen Puppen, die ihr verblüffend ähnlich sehen. Hier zeigt die in Berlin lebende Künstlerin ihr Video „Suicide Bomb“, entstanden ein Jahr vor dem 11. September: die Künstlerin als Selbstmordattentäterin. Der Zuschauer merkt nur durch ein kurzes Zittern des Bildes, dass die echte Mathilde, kurz bevor sie sich in die Luft sprengt, gegen einen Dummy ausgetauscht wird. Der schmale Grat zwischen Gut und Böse offenbart sich auch im großformatigen Ölgemälde „My dear, es könnte ebenso gut Frühling sein“ von Markus Weiss. Der Künstler steht wie ein Kinoheld mit gezückter Pistole in einer Paradieslandschaft. Ist das Paradies eine Option? Die künstlerische Auseinandersetzung mit dem Bösen lohnt sich erst dann, wenn sie über die Affirmation und Bespiegelung anerkannt „böser“ Phänomene hinausgeht. Aber viele Künstler trauen sich nicht.

* * *

POP

Camille trinkt und

stürzt ab

Sie steht x-beinig am Mikrofon und nölt, dass sie auf eine Party gegangen sei und die ganze Nacht durchgetanzt habe, 16 Bier habe sie getrunken und danach eine Schlägerei angezettelt. „Nun bin ich müde“, singt sie weiter und wiegt ihre Hüften, „ich rolle die Treppenstufen runter, zu besoffen, um zu ficken.“

„Too Drunk To Fuck“ heißt der Song von den Dead Kennedys, eine Macho- Hymne, purer Rock’n’Roll. Doch in der Kalkscheune wird der Punk-Klassiker zum süßlichen Teeny-Absturz. Camille, eine hübsche Französin mit strähnigen Haaren, die ihr wie Patti Smith ins Gesicht fallen, zelebriert den Song förmlich. Sie wirft sich auf die Bühne, strampelt rücklings mit den Beinen und deckt sich an der Bar mit Schnapsflaschen ein. Nach einem Schluck wandern diese durchs Publikum. Im Hintergrund sitzen Marc Collin und Olivier Libaux auf zwei Stühlen, der eine zupft liedermachermäßig seine Gitarre, der andere computert. Die beiden nennen sich Nouvelle Vague und haben ihre liebsten New-Wave-Songs im Studio als sympathische Bossa-NovaNummern neu eingespielt. Das Ergebnis gilt als musikalischer Höhepunkt des Jahres. Doch im Konzert geht den Liedern das Brasilianische und die Kraft verloren. Stattdessen: Gitarrengeschrammel und dezentes Soundgehuschel. Und zwei Sängerinnen – neben Camille noch Eloisia –, die oft flüchtig sind; als würden sie doch nur anderer Leute Lieblingslieder nachsingen. Kai Müller

KLASSIK (1)

Der Teufel klaut

den Tenor

Wie interpretiert man heute Hanns Eisler ? Als Komponist von Arbeiterliedern und sonstiger in sozialistische Dienste genommener Werke lässt man ihn nach dem Untergang der entsprechenden Utopien gerne so links liegen wie diese. Aber da ist die andere Seite der Medaille: Eislers frühes avantgardistisches Schaffen. In der Matinee der Hanns-Eisler-Gesellschaft im Werner-Otto-Saal ist es faszinierend zu erleben, wie Studierende der Universität der Künste Lieder aus den Jahren 1917 – 1920 zu Gehör bringen.

Obwohl sie vor Eislers Unterricht bei Schönberg entstanden, überraschen sie durch ihren Drang zur Zwölftönigkeit aus romantischem Grundton heraus. Gabriel Urrutia Benet gibt dem „Nachtgruß“ nach Eichendorff brahmsische Schwerblütigkeit. Gesine Nowakowski besticht in „Lass alle Spannung der Freude“ durch große Spannweite in Timbre und Ausdruck. Maximilian Schmitt bringt seine präzise Artikulation im „Ständchen“ zu launiger Brillanz. Bevor hier der Teufel einem Männergesangverein den Tenor klaut, erklingt ein Doppelschlag von höchsten Wagner-Weihen. Und wenn es im „Lied der Kupplerin“ heißt, dass Geld sinnlich macht, untermalt dies der Tristan-Akkord: Auch den Agitprop differenziert Eisler aus. Die Teilnehmer des von Gina Pietsch (sie sprang für die erkrankte Gisela May ein) geleiteten Workshops singen teils naiv, zweifelnd – und gerade deshalb anrührend. Isabel Herzfeld

* * *

KLASSIK (2)

Die Pianistin lässt

auf sich warten

„Ihr Talent ist größer als die größte Bühne, die sie je betreten hat“, tönt ihr Werbepartner Rolex im Programmheft. Ist also ein Snob, wer mit Sophie Mautner nicht gleich warm wird? An ihrem Bach-Spiel ist nichts auszusetzen: Die Sätze der B-Dur-Partita, die das Konzert im Kammermusiksaal der Philharmonie eröffnen, sind formschön, der Anschlag ist sekundengenau und abgefedert, und in der Sarabande zählt uns die 1977 in Berlin geborene Pianistin alle Noten der Verzierungen einzeln auf den Tisch. Spannend wird es erst im Menuett: ein Experiment über eine simple Form, das Mautner mit deutlich mehr Farbe, Artikulationsnuancen und Risiko angeht.

Auch bei Chopin dauert es eine Weile: Will uns Mautner mit ihrem kühlen Spiel einen Winter des Missvergnügens bereiten? Könnte man nicht wenigstens den bedeutsamen Wechsel von Cis-Dur zu cis-moll in der Barcarole Op. 60 etwas dramatisieren? Oder tut sie gut daran, Chopins Salon gründlich durchzulüften, weil es nach langen sentimentalen Abenden dort nicht gut riecht? Was immer Mautner bezweckt: Der Kernsatz der h-moll-Sonate, dessen schlichte Hauptmelodie unerwartet aufs Herz zielt, gibt ihr Recht. Mautner verabschiedet sich mit Messiaen. Kein mystischer Klangzauber: Den katholischen Jazz des „Regard de l’Esprit de joie“ legt sie mit sportlicher Verve hin. Carsten Niemann

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben