Kultur : KURZ & KRITISCH

Birgit Rieger

KUNST

Nicht ohne

unseren Fernseher!

Schon am Eingang kann man das Vergnügen hören. Menschen kreischen in einer Achterbahn. Eno Henze und Andreas Lorenschat lassen in ihrem Video „Rust“ einen voll besetzten Achterbahnwaggon immer wieder vorbeisausen. Das RealismusStudio der Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst hat in einer sehenswerten Ausstellung mit dem Titel tainment 21 Positionen versammelt, die sich die Bildstrategien aktueller Fernsehformate vornehmen (Oranienstraße 25, bis 6.2.). Politainment, Militainment oder Edutainment heißen die neuen Schlagworte. Fernseherlebnisse aus zweiter Hand. Ist das nun schlimm?

Die Mittel zur Erzeugung künstlicher Realität werden von den Künstlern intelligent seziert und gebrochen. So löst Guy Ben-Ner in seinem Video „Elia – a story of a Ostrich chick“ die vermenschlichten Tierwelten der frühen Walt-Disney-Tierfilme auf, indem er die Rollen umdreht und Erlebnisse vermischt.. Ganz bewusst aber haben die Kuratoren des RealismusStudio auch Arbeiten ausgewählt, die antizipatorische Kraft besitzen. So zum Beispiel den Film des Künstlerduos Korpys/Löffler , die 1996 ausgerechnet jene New Yorker Gebäude filmten, die Jahre später Ziel des Terrors werden sollten. Die Bilder von World Trade Center, Vereinten Nationen und Pentagon bedienen sich der Ästhetik von 60er-Jahre-Agentenfilmen, so dass man glaubt, Zeuge einer bevorstehenden Katastrophe zu sein. Die Arbeiten reflektieren die Auswirkungen artifizieller Realität auf unser Selbst. Nur wenn wir über den Einfluss auf unsere Wahrnehmung nicht nachdenken, könnte es schlimm werden.

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KLASSIK (1)

Bloß keine

Märchenstunde!

Im Fantasie-Mittelalter der deutschen Romantik wird fortwährend gesungen. Ganz gleich ob überglücklich oder todtraurig, die Helden greifen gerne zur Klampfe. So geht es auch dem Grafen Peter von Provence in Ludwig Tiecks Märchenerzählung von der schönen Magelone. Johannes Brahms hat die eingestreuten Gedichte in seinem Liedzyklus „Die schöne Magelone“ vertont und verzichtet dabei auf eine stringent erzählte Geschichte. Statt nun diese Offenheit als modernen Vorzug zu erkennen, versuchten die Sängerin Doris Soffel und der Schauspieler Hans-Jürgen Schatz , die vermeintliche Lücke zu schließen. Für eine behagliche Märchenlesestunde mit eingestreuten Liedern freilich ist der Kammermusiksaal zu groß, und so erliegen beide der Versuchung, ihre Rollen mit äußerlichen Effekten aufzublasen.

Schatz deklamiert, als wäre er in einem billigen Kinderhörspiel auch für die Geräusche zuständig, und Soffel singt selbst die innigsten Wiegenlieder noch wie Kundry. Dabei gelingen ihr zwar immer wieder schöne Effekte, wirklich bei sich ist sie jedoch erst in Sulimas Lied, dem erotischen Gegenentwurf zur keusch wartenden Magelone. In den sanfter bewegten Wiegenliedern hat sie gelegentlich ein sehr eigenwilliges Verhältnis zur vorgeschriebenen Tonhöhe und trifft auch sonst den Charakter der Gesänge nur im Ausnahmefall. Alexander Schmalcz begleitet angemessen akkurat, konnte den Abend aber auch nicht aus der Langeweile reißen. Uwe Friedrich

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KLASSIK (2)

Warum immer

Englisch?

Warum wagt niemand „Pianist in Residence“ mit „Hauspianist“ zu übersetzen? Stellen wir uns, um andere Wörter zu benutzen, einen „Pianist in Residence“ als musikalischen Lebensabschnittsgefährten vor, mit dem man gute Zeiten teilt, ohne sich auf die schlechten festlegen zu lassen? Wie dem auch sei: Eine spürbar gute Zeit gönnen die Berliner Philharmoniker sich in dieser Saison mit Yefim Bronfman und ließen das Publikum im Kammermusiksaal nun zum ersten Mal daran teilhaben. Auf den Pulten lagen Tschaikowskys Klaviertrio und Schumanns Klavierquintett Es-Dur. Gerade an den 45 Minuten Tschaikowsky kann man gewiss endlos feilen, um über die Runden zu kommen. Doch genau danach hörte es sich nicht an: Was man zu hören bekam, wirkte als musikantische Essenz, die schöne Phase einer beginnenden Freundschaft nachzeichnend, in der man sagt, was man denkt, obwohl man nur spürt und nicht weiß, dass es richtig ankommen wird. Das Publikum verfolgte ein ungeheuer energetisches, tiefes und doch kurzweiliges Gespräch zwischen Bronfman sowie Guy Braunstein und Georg Faust. Der Pianist illustrierte seine Beiträge mit breitem Pinsel und satten Orchesterfarben. Er ließ seiner Lust am Pedal in der siebten Variation in herrlichen Orgelschwällen freien Lauf und kam doch gleich darauf in einem schwarzkernigen Fugenthema zur Sache. Kurz: Hausmusik der Extraklasse und wer dabei war, für den ist auch „Hauspianist“ ein echter Ehrentitel. Carsten Niemann

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KLASSIK (3)

Bitte nicht

Französisch!

Das heiß umworbene jungendliche Publikum sitzt in Block E der Philharmonie und knutscht auch dann noch unbeirrt weiter, als die grandiose Mojca Erdmann beklagt, dass der Erlöser verspottet und erniedrigt wurde. Damit beweisen die beiden einen ähnlich ungezwungenen Umgang mit Händels Oratorium „Messias“ wie einst Carl Friedrich Zelter. Der hatte hier Instrumente hinzugefügt, dort Arien gestrichen, auf Verzierungen und Wiederholungen völlig verzichtet. So schöpfte er den „französischen Schaum“ von der Musik ab, für den um 1820 in Deutschland niemand Verständnis hatte.

Joshard Daus entschied sich für diese Fassung und bietet damit einen willkommenen Einblick in die romantische Händelpflege in Deutschland. Das Zelter-Ensemble der Sing-Akademie gestaltet die weitgehend unbearbeiteten Chöre mit Charme und Wucht, differenziert und homogen. Zunächst bleibt der Ton zurückhaltend, um in den Jubelpassagen zu verblüffender Größe zu finden. Die Sinfonia Varsovia schmiegte sich elegant an den Chor und zeigte Händels scharfe Charakterisierungen als sanft grundiertes Monumentalgemälde. Die Hauptarbeit der Solisten blieb an Mojca Erdmann hängen, die sich mit der Heilszuversicht von „Ich weiß, dass mein Erlöser lebt“ wiederum als eine der herausragenden Berliner Sängerinnen empfahl. Gegen sie haben der Bass Locky Chung und vor allem der Tenor Maximilian Schmitt kaum eine Chance zur Profilierung. Das verliebte Jungpublikum hatte nach der Pause übrigens anderes zu tun – besser kann es kaum gewesen sein. Uwe Friedrich

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