Kultur : KURZ & KRITISCH

Steffen Richter

LITERATUR

In den Höhen

des Geistes

Wenn man auf das von Schlangen umwundene Haupt der Medusa trifft, kann man sie nicht einfach zum Friseur schicken. Sagt Claudio Magris . Nein, diesen Anblick müsse man als Teil der Realität aushalten. Gerade der Schriftsteller solle hellwach sein, wenn ihm ein ominöser Doppelgänger Dinge einflüstert, die er eigentlich nicht hören will. Magris nennt sie „Epiphanien des Schrecklichen“ und ordnet sie der „nächtlichen“, also unkontrollierten, Schreibweise zu. Ihr steht die „taghelle“, rationale, gegenüber. Magris, der im Literaturhaus über seine poetologischen Grundüberzeugungen sprechen sollte, lässt sich nicht auf nur ein Thema festlegen. Die intellektuelle Arbeitsteilung scheint an ihm vorbeigegangen zu sein. Er ist Romanautor, Essayist, Literaturwissenschaftler, Kommentator politischer Zustände in Italien. Und er steckt voller Geschichten. Etwa der, wie er einmal dem Anrufbeantworter einer Freundin den Hof machen wollte, weil er die aufgenommene Stimme bezaubernder fand als die lebendige. Dann erzählt er von seiner Heimatstadt Triest, von der Grenze, die dort zwischen romanischer, slawischer und germanischer Kultur verläuft. In allem brilliert Magris. Er verkörpert jene seltene enzyklopädische Gelehrsamkeit, die aus einem gesunden Sinn fürs Faktische und der Suche nach dem menschlichen Maß in allen Dingen erwächst. Witz inklusive. Wie heißt es in seinem neuen Theaterstück „Die Ausstellung“: „Wer stirbt, geht verlustig und wer lebt, hat es lustig.“

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KLASSIK

Aus der Tiefe

der Moderne

Disparate Welt: Draußen, auf dem Gendarmenmarkt, intoniert ein Chor Weihnachtslieder, im Konzerthaus bietet das Ensemble Mosaik Neuer Musik. Goldberg-Ausbreitungen nennt Brice Pauset seine acht Stücke, die sich in äußerst abstrakter Weise auf Bachs Variationen beziehen. Zwar gelingen dem Ensemble unter Enno Poppe einige schöne Momente, aber Pausets Anspruch, eine Brücke zwischen Tradition und Moderne zu schlagen, erweist sich als Illusion. Und hätte Bach seiner geliebten Oboe d’amore einen so quälenden Solopart zugemutet?

Der erste Teil des Konzerts gibt sich als konsequente Steigerung – von ganz unten: „décalage“ von Wolfram Schurig ist geronnenes New-Complexity-Klischee. Zunächst scheint Sam Haydens Ansatz, komplexe Strukturen mit repetitiven Elementen zu verbinden, interessanter, will aber dann auch nicht recht zünden. Genau das tut Richard Barretts „stirrings“ vom ersten Moment an. Die hochkonzentrierten Stücke sind Teil des abendfüllenden Projekts „Dark Matter“, uraufgeführt bei der Maerzmusik 2003. Angesichts eines überambitionierten multimedialen Bühnenkonzepts regte sich schon damals der Wunsch, Teile davon im Konzert wiederzuhören. Ulrich Pollmann

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