Kultur : KURZ & KRITISCH

Christina Tilmann

THEATER

Wodka

für alle

Nicht Antigone, sondern Sisyphus wird hier gespielt. Immer wieder klettert eine Tänzerin die Schaumstofframpe zur Ranggalerie im Haus der Berliner Festspiele empor, verharrt schwankend oben am Geländer, sinkt wieder zusammen, und beginnt den Aufstieg erneut. Eine Kollegin spielt dazu auf der Tonpfeife „Griechischer Wein“. Und eine weißbewandete Frau läuft durch den Raum, erst langsam, dann schneller, nur das leise Klatschen der bloßen Füße ist zu hören. Das Ganze spiegelt sich per Video, erst asynchron, dann synchron, verzerrt durch Zoom und Kamera.

Acht Meditationen über das Thema Antigone hat die Choreographin Wanda Golonka seit 2002 für das Schauspiel Frankfurt erarbeitet: Nun waren alle acht Teile des Performanceprojekts im Rahmen der Spielzeit Europa an zwei Abenden in Berlin zu sehen. Als Motti dienen Sophokles-Zitate in der Hölderlin-Übersetzung. Dazu Texte von Douglas Gordon und eine altägyptische Dichtung, gelesen von Jennifer Minetti, und Musik von Morton Feldman und György Ligeti. Neue Formen der Wahrnehmung will Golonka erschließen. Das beginnt damit, dass das Publikum den Saal zunächst wieder verlassen muss, später über Hinter- und Seitenbühne wandert. Ein gutes Drittel ergreift die Gelegenheit und stiehlt sich davon. Konkret wird der spröde Abend erst, wenn es um die Rolle der Frau geht: So schleppt sich eine Tänzerin mit schweren Gewichten an den Füßen durch den Raum, während ein Kollege die hochhackigen Schuhe wegräumt, und an der Wand ist zu lesen, wie viel weibliches Führungspersonal es in Industrieverbänden gibt: null Prozent.

Am Ende erklingen über Lautsprecher Interviews zum Stand der Dinge, und es gibt Wodka für alle. Für alle, die geblieben sind.

LITERATUR

Weltliebe

für mich

Und wieder die Frage: „Aber wo ist das Leben?“ Drohend steht sie über dem Werk von Paul Nizon , als hätte es die Energien und Ekstasen nur verschluckt, von denen der heute vor 75 Jahren geborene Schweizer in Paris träumt. Dabei strahlen sie daraus hervor wie aus den Büchern keines anderen deutschsprachigen Schriftstellers: im sanften Frühlingslicht wie im nächtlichen Neon oder dem ewigen Dämmer der Bars. Doch da meldet sich die alte Frage zurück, diesmal datiert auf den 17. Januar 1978, mitten in Schreibkrise und „Zimmerhaft“, drängend wie eh und je. Das Drehbuch der Liebe , Nizons Journal aus den Jahren 1973 bis 1979, stellt sie (hg. von Wend Kässens, Suhrkamp, Frankfurt a.M. 2004, 282 S., 22,80€), und wendet sie besessen hin und her. „Ich muss mich in den Zustand der Liebe, Lebensliebe, Weltliebe, Frauenliebe steigern können, damit ich nicht versterbe und entfalle“, heißt es.

Halb Arbeitsjournal, halb privates Tagebuch, spiegeln die aus dicken Kladden ausgewählten Notizen die wichtigsten Jahre von Nizons Karriere: nach der oft quälenden Berufung und vor dem Erscheinen seines besten Buches „Das Jahr der Liebe“ (1981), dessen Entstehung sich hier verfolgen lässt. Sie erzählen von seiner Selbststilisierung als Kunstmärtyrer im Sinne des von ihm bewunderten Vincent van Gogh wie von seiner Bewunderung für Robert Walser und die Freundschaft zu Elias Canetti. Sie berichten aber auch so ergreifend persönlich, wie man es seiner Egozentrik kaum zutraut, von der Zerrissenheit zwischen seiner zweiten Ehefrau Marianne, von der er nicht lassen kann, und einer Geliebten, die er nicht gewinnt. Wenn die abgeschlossenen Werke anderer Schriftsteller nur annähernd so dicht wären wie Nizons Notizen, es wäre es um die deutsche Literatur glänzend bestellt. Gregor Dotzauer

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