Kultur : KURZ & KRITISCH

Hans von Seggern

SCHLAGER

Glück oder

Tränen

Als vor einigen Jahren die Generation der Thirtysomethings beschloss, ein Wiedersehen mit den Hits ihrer Kindheit zu feiern, hielt sich einer zurück, der eigentlich in die erste Reihe gehört. Ein Mann von eher zierlicher Statur, jedoch ein Großer des Show-Geschäfts in den Siebzigern. Lange Jahre musste man schon eine Kreuzfahrt im Luxusliner um Kap Horn buchen, um ihn erleben zu können – jetzt gab er im halbvollen Berliner Tränenpalast ein Club-Konzert: Michael Holm , Sänger („Mendocino“, „Barfuß im Regen“) und Diseur, wie man wohl sagen darf. „Sag doch selbst: Was wirst Du anfangen mit Deiner Freiheit, die Dir jetzt so kostbar erscheint? Wie früher durch Bars und Kneipen ziehen? Du glaubst, das Glück liegt auf der Straße, und Du brauchst es nur aufzuheben? Nein, nein, mein Freund!“, näselt er weise in seinem größten Hit „Tränen lügen nicht“.

22 Jahre sind vergangen seit dem letzten Album. Jetzt eine CD zwischen Schlager und Deutschpop. Auf „Liebt Euch!“ (Koch Universal), begleitet von einer fünfköpfigen Band, den „Strümpfen“, zeigt sich Holm als aufmerksamer Medienbeobachter. Mit Betroffenheit verfolge er im „Vermischten“ der Zeitungen die Nachrichten über das Leben der Menschen der Großstädte: „Selbstmord in der Isar“. „Terror in der U-Bahn“. Woran mag es liegen, dass sich die Menschen so furchtbar weh tun? „So viele sind einsam, am Tag bei der Arbeit, am Abend beim Fernsehen. Das ganze Leben ein graues Labyrinth. Graffiti und Sex-Shops. Polizeisirenen. Leer getrunkene Gläser.“ Gut, dass es Schlager gibt. Es folgt das Lied, geschrieben für all jene, die die Sehnsucht nach ein bisschen Nähe, Wärme, ja Liebe im Herzen tragen: „Tränen lügen nicht“. Vergossnen Wein, den trinkt keiner mehr – in vollen Zügen hingegen genießt das Berliner Publikum einen großen Schlagerabend, Holmsche Selbstinterpretationen in zeitgemäßem Soundgewand, gefolgt von der Jagd nach einem Autogramm des Altmeisters. „Für Karin und Charly. Herzlich, Michael Holm.“

Nächster Termin: 30. Januar 2005 in Hamburg, Große Freiheit Nr. 36

KLASSIK

Freiheit oder

Sozialismus

Für Dmitri Schostakowitschs 5. Sinfonie braucht man feine Ohren: Sind die knalligen Tonrepetitionen des Finales Stiche in die Wunde eines Gepeinigten oder lösen sie die Spannung? Aufgrund solcher Fragen befanden Stalins Kulturkommissare über Schostakowitschs Schicksal. Die Sinfonie sollte ihn retten. Die Funktionäre fanden genug Volkstümliches, um Schostakowitsch zu rehabilitieren, die Musikliebhaber verstanden sein Versteckspiel als künstlerische Reaktion auf die Bedrohung. Stanislaw Skrowaczewski zeigte mit dem DSO in der Philharmonie , dass Schostakowitschs Ringen um Kunst und Leben auch heute noch anrührt. Gelassen entfaltet der 81-jährige das Werk. Ulrich Pollmann

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