Kultur : KURZ & KRITISCH

Carsten Niemann

KLASSIK

Fantasien aus

der Männerwelt

Das Programmheft spricht keusch von „Väterträumen“. Dabei wäre das Oboenkonzert des 81-jährigen Richard Strauss sogar dazu angetan, die gehässige Vokabel „Altmännerfantasie“ von ihrem abwertenden Beigeschmack zu befreien. Strauss schlüpft in die Mozartrolle, ohne seine Erfahrung als Spätromantiker preiszugeben. Auf allen instrumentalen Ebenen sucht er den intensiven Austausch mit dem Objekt seiner Klangbegierde und verplaudert sich mehr als einmal mit der Solistin in Chromatismen.

Es ist ein goldener Herbst, der weder kühl noch schwül wirkt, den Marek Janowski, das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin sowie die aus dessen Reihen stammende Solistin Clara Dent dem neoklassisch angehauchten Spätwerk im Konzerthaus bereiten. Auch für das neoklassisch inspirierte Hauptwerk des Abends findet sich der richtige Ton: Mit kontrolliert schlankem, dennoch sinnlichem und selbst bei extremen Emotions- und Tempowechseln beweglichem Klang begleitet das Orchester Christiane Oelze in Benjamin Brittens „Les Illuminations“ nach Rimbaud. Der Sopranistin gelingt das Kunststück, nicht nur Deklamation und große Operngeste, sondern auch musikalische Bilder in ihren Vortrag zu integrieren. Keine konkreten Assoziationen, aber unzweideutige Emotionen. So träufelt sie dem Publikum in „Antik“ (einer Anrufung des anmutigen Sohnes von Gott Pan) genüsslich Rimbauds und Brittens Jungmännerfantasien ins Ohr.

* * *

KUNST (1)

Farbleuchten

aus dem Alltag

Anfang der Achtzigerjahre benutzte Erasmus Schröter nur einen Blitz, den er oben auf die Kamera steckte. Auf diese Weise ließ der Leipziger seine DDR-Bürger ein bisschen wächsern aussehen. Zum Beispiel den jungen Mann im schwarzen Anzug mit dem merkwürdigen Blick. Erasmus Schröter fotografierte ihn bei einem Frisörwettbewerb. Die Bilder, derzeit im Künstlerhaus Bethanien unter dem Titel Schröters Welt zu sehen (Mariannenplatz 2, bis 26.12.), sind deutliche Vorboten, für das, was Schröters Arbeit heute auszeichnet: buntes, grelles Licht. Mit Hilfe Dutzender Scheinwerfer, Blitze und unhandlicher Stromaggregate fotografierte Schröter eine herrliche Porträt-Serie von Theaterkomparsen und gab ihnen eine eigene Bühne – die Frauen ganz bunt, die Männer schwarzweiß im Wald. Es sind Archetypen der Vorwendezeit, scheinbar ohne Eigenschaften. Schröter zeigt sie erstarrt zwischen leiser Hoffnung und Resignation. Ganz Spross der Leipziger Schule, holt er sich die nüchterne Wirklichkeit vors Objektiv und bildet sie mit leuchtender Farbigkeit ab. Vielleicht hängt deshalb im Leipziger Museum für bildende Kunst eine seiner lichtinszenierten Gartenlauben direkt neben den romantischen Landschaften von Caspar David Friedrich. Birgit Rieger

KUNST (2)

Buntes aus

der Bibelwelt

16000 Besucher am ersten Wochenende sind ein gutes Argument für eine Ausstellung. Mit „Chagall. Mythen der Bibel“ steuert das Albertina Museum in Wien einen weiteren Publikumsrekord an (bis 28. März, Katalog 29 €). Wohl nie zuvor hat sich das Haus, das früher den Titel einer „Grafischen Sammlung“ trug, so weit von seinem angestammten Gebiet entfernt wie in dieser Ausstellung, in der die 17 Gemälde des Zyklus’ der „Biblischen Botschaft“(1955–1966)den Mittelpunkt bilden. Chagall malte sie für die verlassene Kapelle seines südfranzösischen Alterssitzes Vence und schenkte sie schließlich dem französischen Staat, der dafür im nahen Nizza das „Musée national du Message Biblique Marc Chagall“ errichtete. Vor 30 Jahren eröffnet, wird es derzeit renoviert; die Albertina nutzte die Gelegenheit zur exklusiven Ausleihe.

Chagall vermischte jüdische und christliche Motive in leuchtenden Farben zu jener gemäßigten Moderne, die seine Kompositionen jedermann verständlich machten. Er erzählt im Märchenton. Dass er einmal härter, existenzieller war, zeigen seine Bibel- Illustrationen aus den Dreißigerjahren. Aber das sind feine Unterschiede, die die vorweihnachtlich gestimmten Zuschauer wenig interessieren dürften. Bernhard Schulz

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