Kultur : KURZ & KRITISCH

Sybill Mahlke

KLASSIK

Ein starker Baum

trägt süße Früchte

Stuttgart, Rilling, Bach – ein Dreiklang, der wie ein Gewächs mit festem Stamm seit einem halben Jahrhundert gedeiht. Seine Zweige heißen Stuttgarter Bachwoche oder Europäisches Musikfest Stuttgart, seine dickste Frucht Edition Bachakademie mit dem Bachschen Werk auf 172 CDs. Aus der zarten Wurzel eines Singkreises im Dorf Gächingen ist 1954 die Gächinger Kantorei entsprungen, die ihren Namen und den ihres Gründers in die Welt getragen hat. Der Erfolg zeigt, dass Helmuth Rilling dem Markt gefällt. Wenn der Dirigent nun mit seiner Kantorei und dem angegliederten Bach-Collegium in die Philharmonie kommt, um das Weihnachtsoratorium zu feiern, fällt die erstaunlich unprätentiöse Art des Konzertierens auf. Kein Pathos, keine Selbstdarstellung. Orchester und Chor artikulieren sorgsam und wie aus einer Seele. Hierin sind sie beweglich auf der Spur historischer Aufführungspraxis, ohne deren Klang zu imitieren. Das Wort „erschrecke nicht“ im Choral wird hervorgehoben. Feinschliff dient der Linie in der Polyphonie. Ideal gelingt die Arie „Frohe Hirten“, weil den Koloraturen des Tenors Christoph Genz ein geradezu weises Bachspiel des Soloflötisten zur Seite steht und Rilling den gespannten Ausdruck zwischen beiden vermittelt. Mit Simone Nold, Christa Mayer und Klaus Häger passt sich das Solistenquartett dem schlanken Ton an. Der Abend vertritt lebendige Tradition wie die veranstaltende Konzertdirektion Adler, deren Pro-Musica-Reihen mit dieser Saison ebenfalls 50 Jahre alt sind.

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LITERATUR

Anna liebt Luca

liebt Leo

Erst wenn das Schiff vom Ufer ablegt, werden die Passagiere ruhig. Es sind diese Augenblicke des Übergangs, in denen Angst in Freiheit umschlägt, die Philippe Bressons ungewöhnlichen Roman einer Dreiecksbeziehung prägen. Im Mittelpunkt von Eine italienische Liebe steht der 29-jährige Luca Salieri aus Florenz. In seinem kurzen Leben stieß er sich zweimal in fremde Welten ab: aus der Liebe zu seiner Lebensgefährtin Anna in das Milieu der Bahnhofsstricher sowie vom Leben in den Tod, indem er betrunken auf einem Brückengeländer über dem Arno balancierte und das Gleichgewicht verlor. Der Arno wird zum Vergessensfluss Lethe, der mit Lucas Leiche eine unerhörte Wahrheit an Land spült: Annas Freund war bisexuell und der einzige Mann, bei dem sich der Strichjunge Leo „zum erstenmal unschuldig“, sprich geliebt, fühlte. Der 37-jährige Besson, dessen Roman „Sein Bruder“ 2001 von Patrice Chéreau verfilmt wurde, lässt die Elemente des Liebesdreiecks gleichberechtigt zu Wort kommen, denn auch der Verstorbene redet mit. „Diese Auflösung ist ein frisches und angenehmes Gefühl“, berichtet Luca vom Seziertisch. Die zutiefst irritierte Anna wiederum taucht in Leos Welt ein, um ihren Geliebten postum besser verstehen zu können: „Man hat mir eine Gleichung untergeschoben, die nicht zu lösen ist.“ Bessons raffinierte Ballade der Sehnsüchte und Lebenslügen eröffnet die edition manholt im dtv . Sie wird von Dirk Hemjeoltmanns herausgegeben, der zuvor den auf französische Literatur spezialisierten Manholt-Verlag in Bremen leitete (178 Seiten, 14 Euro). Katrin Hillgruber

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KUNST

Die Grenzen der

Privatsphäre

Es erstaunt doch immer wieder, wie viel Forschung bei der Aufarbeitung der sowjetischen Avantgardekunst immer noch zu leisten ist. Insbesondere die Lebens- und Arbeitsumstände vieler Künstler liegen nach wie vor im Dunkeln. Die Eigenpropaganda der Sowjetunion unter Stalin als durchkollektivierte Gesellschaft hat vergessen gemacht, dass es so etwas wie Privatsphäre durchaus gab – auch bei einem Künstler, der sich rückhaltlos in den Dienst des Regime gestellt hat wie Gustav Klucis . Über ihn und seine Frau und Künstlerin Valentina Kulagina veranstaltete das New Yorker International Center of Photography durch die Russland- Expertin Margarita Tupitsyn erstmals eine monografische Ausstellung, deren Katalog im Göttinger Steidl Verlag vorliegt (Photography and Montage after Constructivism, 55 €). Klucis ist bekannt für seine zahlreichen Plakate, die er nach sorgfältig komponierten Fotomontagen entwarf. Die enge Arbeitsgemeinschaft mit Valentina Kulagina wird in diesem Buch erstmals deutlich. Deutlich wird auch, dass Klucis ungeachtet seiner Linientreue sehr wohl am Recht aufs künstlerische Experiment festgehalten hat – wiewohl der Konstruktivismus, aus dem sich sein reifer Stil entwickelte, seit 1932 streng verpönt war. Die Lebensumstände sind in den vollständig abgedruckten Tagebuchaufzeichnungen der Kulagina eindrucksvoll dokumentiert – wie auch das furchtbare Leid, das die Verhaftung Klucis’ in ihr Leben brachte. Der Künstler wurde Anfang 1938 erschossen – und zwar, was das Buch leider verschweigt, wegen seiner revolutionären Vergangenheit als Mitglied der „Lettischen Schützen“. Davor bewahrten ihn seine Stalin-Poster nicht. Valentina Kulagina arbeitete im selben Stil weiter. Sie hatte keine Wahl. Bernhard Schulz

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