Kultur : KURZ & KRITISCH

Jörg Königsdorf

KLASSIK

Beim nächsten Mal

wird alles anders

Erste Begegnungen sind gefährlich: Gehen sie daneben, ist die Verstimmung kaum wieder zu kitten, bleibt jeder weitere Kontakt mit einem Grundmisstrauen behaftet. Am besten, man macht es so wie Marc Albrecht bei seinem Debüt mit den Berliner Philharmonikern : Man geht ein bisschen auf den anderen ein, platzt nicht mit extravaganten Ansichten heraus, sondern deutet lediglich an, worüber man sich in Zukunft etwas gründlicher unterhalten könnte. In der Philharmonie fällt Schumanns „Frühlingssinfonie“ dieser Konfliktvermeidungsstrategie allerdings zum Opfer: Albrecht, in Berlin als regelmäßiger Gastdirigent und potenzieller Thielemann-Nachfolger an der Deutschen Oper bekannt, beschränkt sich auf pauschal anfeuernden Impetus und vertraut darauf, dass die Stimmungskontraste von Euphorie und Verträumtheit das Werk schon tragen. Doch das funktioniert nur bedingt: In den gestaltungsfreien Übergangszonen kommt der Schumannsche Überschwang immer wieder ins Stocken, die romantische Schwärmerei wirkt seltsam angestaubt. Auch in Johann Nepomuk Hummels Trompetenkonzert will der Funke nicht überspringen: Philharmoniker-Trompeter Tamas Velenczei absolviert den Klassiker brav, aber ohne die übermütige Brillanz, die solche Virtuosenstücke erst interessant macht. Dass sich Albrecht und die Philharmoniker etwas zu sagen haben könnten, blitzt nur zu Anfang in der frechen Kopplung von Wagners organisch entwickeltem „Lohengrin“-Vorspiel mit Ligetis direkt anschließenden „Atmosphères“ auf. Man kann sich ja mal wieder treffen. Bei Gelegenheit.

KINO

Beim letzten Mal

bleibt alles gleich

Wenn ein blasses Kind sieht, was andere nicht sehen – denken wir nicht sofort an „Sixth Sense“? Wenn eine junge Frau von einem Kind träumt, das eigentlich jemand anderer ist, fällt uns da nicht gleich „Rosemary’s Baby“ ein? Und wenn Nicole Kidman es mit Wiedergängern zu tun bekommt, erinnert das nicht an „The Others“? Jonathan Glazers Birth (in vier Berliner Kinos) reiht sich ein in diese Serie psychologischer Gruselfilme, wo Übersinnlichkeit und Überspanntheit in Eins gehen, wo die Grenze schmal ist zwischen Sensibilität und Hysterie. Und setzt auf eine altmodische Filmerzählung, die sich umständlich Gedanken macht, ob Liebe nicht die Toten auferstehen lässt. Nicole Kidman ist die reiche Witwe Anna, die um ihren vor zehn Jahren bei einem Joggingunfall verstorbenen Ehemann dauertrauert. Und wie sie trauert: die Haare kurz geschnitten, kurz geschoren fast, das Gesicht blass und selten geschminkt, die Kleidung in graumausigen Tönen. Erst als der zehnjährige Sean in ihr Leben tritt und behauptet, ihr verstorbener Mann zu sein, kommt Leben in Anna, erst Abwehr, dann Interesse, am Ende fast Liebe – zu einem Knaben (Cameron Bright) der in seiner Beharrlichkeit etwas entschieden Unsympathisches, Penetrantes hat.

Ungute Zwischentöne, unbehaglich und freudlos das alles. Die Enthüllung, die die Katastrophe herbeiführt, interessiert am Ende so wenig wie die meisten Charaktere. Selbst die selten auf der Leinwand präsente Lauren Bacall verschenkt ihre Aura an bodenständige Strenge. Auf eine Wiedergeburt lässt „Birth“ vergeblich hoffen. Christina Tilmann

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