Kultur : KURZ & KRITISCH

Frederik Hanssen

KLASSIK

Halleluja

an der Saale

Auch 245 Jahre nach seinem Tod tut Georg Friedrich Händel seiner Geburtsstadt immer noch Gutes: Dem großen Sohn ist es zu verdanken, dass sich das Opernorchester in Halle an der Saale intensiv mit der barocken Musiksprache auseinander setzt. 1993 wurde für die sommerlichen Händel-Festspiele ein eigenes Ensemble gegründet und mit historischen Instrumenten ausgestattet. Beim Gastspiel im bestens besuchten Kammermusiksaal treten die Hallenser den Beweis an, dass nicht nur Alte-Musik-Spezialisten in barocker Klangrede zu kommunizieren verstehen. Unter Leitung von Michael Schneider fangen die Allround-Musiker, die sonst im Orchestergraben einen vom 19. Jahrhundert dominierten Opern-Spielplan absolvieren, Vivaldis theatralischen Gestus effektvoll ein, machen Unterschiede zum „ernsteren“ Landsmann Corelli deutlich. Bei Händels Concerto grosso B-Dur kann, wer mag, sanfte südenglische Landschaften vor dem geistigen Auge vorüberziehen lassen. Mit besonderer Hingabe schließlich nehmen sich die Instrumentalisten der weltläufigen Noblesse Telemanns an.

Wenn erwachsene Männer zur Sopranblockflöte greifen, hat das immer etwas Befremdliches – vor allem, wenn sie dazu Fliege und Kummerbund in Rot tragen. Durch Virtuosität weiß sich Schneider in Vivaldis Flautino-Konzert allerdings Respekt zu verschaffen. Halsbrecherische Läufe, Skalen und Triller verlangt Vivaldi auch von der Interpretin seiner „Laudate-pueri“-Kantate: Martina Rüping jubiliert das Belcanto-Gotteslob mit einem wunderbar leuchtenden Sopran, der jedem Botticelli-Engel zur Ehre gereichen würde.

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KUNST

Jetzt rollen

Köpfe

Von sozialistischem Realismus keine Spur: Kugeln kullern über eine Leinwand, Schädelfragmente stapeln sich auf dem Boden, Bildzyklen voll sakraler Symbolwelten prangen an den Wänden. Die in Budapest geborene Künstlerin Ilona Lovas gilt als Pionierin der ungarischen Neo-Avantgarde. Sie war die Erste, die während der siebziger Jahre mit Installationen experimentierte und so den Kunstbegriff des kommunistischen Landes revolutionierte. In ihrer ersten Berliner Ausstellung „Erbarme dich meiner…" im Collegium Hungaricum (Karl-Liebknecht-Str. 9, bis 16.Januar) widmet sie sich in drei Teilen dem Thema Mensch. Ein beliebtes künstlerisches Sujet, das die Ungarin jedoch befremdlich in Szene setzt.

Stilisierte Köpfe in Form von Holzkugeln lässt sie in ihrer Videoprojektion über den Boden rollen und hat damit ein dynamisches Bild für die Anonymität innerhalb der Gesellschaft gefunden (das sich allerdings schnell erschöpft). Auch außerhalb des verdunkelten Projektionsraums konfrontiert sie den Betrachter mit menschlichen Schädeln: Halbrunde Formen liegen auf dem Boden und irritieren durch ihr organisches Material, gereinigten Rinderdarm. Auch in ihrer plastischen Bildserie taucht das tierische Material wieder auf. Unter einer mit Darm umwickelten Glasplatte sind Abdrücke von Händen und Füßen zu sehen. Offensiv spielt Ilona Lovas religiöse Inhalte an, indem sie Symbole für Hostien in ihre Bilder einbaut. Heraus kommen durchaus ästhetische Arrangements; einen revolutionär innovativen Umgang mit dem Thema Mensch liefert die Ausstellung jedoch nicht. Anne Mareile Moschinski

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KINO

Falsches

Oberlippenbärtchen

Für die Beteiligten ist es das Drama ihres Lebens. Doch nach üblichen Kinomaßstäben geht es in dieser Anatomie einer Entführung um einen ziemlich gewöhnlichen Fall von kidnapperischer Erpressung: Das Opfer, ein erfolgreicher Unternehmer ( Robert Redford ), lebt mit Gattin (Helen Mirren) in einer Villa am Stadtrand von Pittsburgh. Als sie ihr Morgenschwimmen im Pool absolviert, wird er draußen im Auto angesprochen und verschleppt.

Man weiß, was nun kommen sollte: Lösegeldforderungen, Verhandlungen, Ermittlung. Doch der amerikanische Produzent Pieter Jan Brugge („The Insider“), der mit „The Clearing“ – so der Originaltitel des Films – sein ambitioniertes Debüt als Regisseur und Koautor gibt, interessiert sich wenig für die kriminalistischen Implikationen der Geschichte. Warum sonst würde er schon früh den Entführer ( Willem Dafoe ) präsentieren, wie er sich im Vorstadtbadezimmer ein falsches Bärtchen über die Oberlippe klebt?

Immmer wieder wird die Teilansicht des Geschehens, die den Täter betrifft, mit Szenen aus dem Leben der zurückbleibenden Ehefrau parallel geschnitten. Wobei sich eine untergründige Verbindung zwischen Opfer und Täter bald ebenso andeutet, wie dessen Vorhaben immer mysteriöser wird. Auch sonst stoßen intime Detaileinsichten auf immer krasser werden Erzähllücken. Während Kidnapper und Gekidnappter, einsam im Wald herumstapfend, über Moral debattieren, nimmt in der Villa der FBI die Verhandlungen mit den Entführern auf und bekommt Briefchen und Blutproben zugestellt. Zudem kommen beim Herumstöbern im Privatleben des Entführten Dinge ans Licht, die für Gattin Eileen schmerzlich, doch auch in besseren Kreisen keineswegs ungewöhnlich sind.

Helen Mirren gibt die tapfere Beinahe- Witwe mit unterkühlter Standhaftigkeit, und auch mit Dafoe und Redford ist der Film glänzend besetzt. Doch trotz solch geballter Schauspielkraft gelingt es nicht, aus dem Mix von Motiven und Ansätzen eine funktionierende Sache zu machen. Andererseits ist dieser Outdoor-Kammerspiel-Krimi für ein ernst zu nehmendes Wahrnehmungsexperiment zu schlicht gestrickt – auch wenn die Erzähl-Erwartungen mit einer neckischen Zeitspielerei kräftig düpiert werden. So bleibt nach einem unangemessen sentimentalen Ende vor allem ein Gefühl des Mangels zurück – an erzählerischer Konsequenz, sozialer Präzision und Spannung. Man kann das auch Langeweile nennen (Cinemaxx Potsdamer Platz, Karli, Kosmos, Kulturbrauerei, Zoo Palast; Originalfassung im Cinestar SonyCenter). Silvia Hallensleben

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