Kultur : KURZ & KRITISCH

Philipp Lichterbeck

POP

Abflug aus

der Kälte

Stillstehen ist wie sterben - das könnte nicht nur der Titel eines typischen Tocotronic-Songs sein, sondern die Überschrift über der Bandgeschichte. Die Hamburger Gruppe um Sänger Dirk von Lowtzow hat sich im Verlauf der letzten zehn Jahre von einer schrammligen Garagencombo zu einer Rockband mit fast schon monumentalen Entwürfen entwickelt. Den jüngsten Beweis für den Wandel lieferten Tocotronic auf dem Neujahrskonzert in der seit Tagen ausverkauften Volksbühne . Dort stellte die Band gleich zwei Neulinge vor: das in Kreuzberg aufgenommene Album „Pure Vernunft darf niemals siegen“ (Veröffentlichung am 17. Januar) und Rick McPhail an der Gitarre. Die Aufnahme eines vierten Bandmitglieds erscheint rückblickend wie eine Zwangsläufigkeit. Erinnerten die Songs früher an kleine Propellermaschinen, die schnell nach dem Abheben wieder abschmierten, sind die neuen Lieder wie Atlantikjets. Sie brauchen eine lange Startbahn zum Beschleunigen, doch sind sie einmal in der Luft, bleiben sie lange dort und dröhnen breitwandig. Programmatisch singt Dirk von Lowtzow mit silvesterbedingter Heiserkeit denn auch: „Wir sind soweit, dass wir fliegen.“ Von Lowtzow hat seine Texte verdichtet. Sie sind lyrischer, ätherischer geworden. Er drückt sein Unbehagen über die Gefühlskälte in diesem Land aus, die nur in der Zweisamkeit überwunden werden kann. Er steht auf einem Bein wie ein Flamingo vor dem Mikrofon und fordert: „Gib unserem Leben einen Sinn.“ Dem Publikum, das zu zwei Dritteln aus melancholischen Abiturienten besteht, gefällt der Schrei zum Jahresanfang.

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KLASSIK

Wohlgefühl

und Umbruch

Das Programm eines Neujahrskonzerts ist immer eine heikle Sache: Was spielt man für Menschen, die randvoll mit guten Vorsätzen sind, für ein Publikum, das so optimistisch in die Zukunft schaut wie an keinem anderen Tag des Jahres? Soll man diese Offenheit und Neugier nutzen, um zum neuen Jahr auch tatsächlich etwas Neues zu präsentieren? Der RIAS-Kammerchor wählt mit seiner waghalsigen Mischung aus Heinrich Schütz, Steve Reich und Strawinsky genau diese Option, und eine nahezu ausverkaufte Philharmonie zeigt, dass es in Berlin genug Menschen gibt, die Lust auf Neues haben. Tatsächlich sind Reichs post-minimalistisches Psalmenstück „Tehillim“ und Strawinskys Bauernhochzeits-Kantate „Les Noces“ jeweils auf ganz eigene Art erstklassige Neujahrsmusik: Reichs filigrane Rhythmus-Netze sorgen nicht nur für good vibrations, sondern im ätherischen Auf und Ab der vier (grandios gesungenen) Frauenstimmen für reichlich esoterisches Wohlgefühl, während Strawinskys lustvoll zerfetzter Folklorismus das Publikum mit gewaltigem Energieüberschuss auflädt. An der Wirkung dieser Werkkombination hat der Chor selbst freilich nur geringen Anteil: In Reichs Kantate wirkt er ohnehin nicht mit, bei Strawinsky zeigt sich, ähnlich wie eingangs in vier Schütz-Motetten vor allem, dass sich das Ensemble unter seinem neuen Leiter Daniel Reuss im Umbruch befindet. Der weiche, romantische Klang, den Reuss erreichen will, besitzt im unteren Dynamikbereich noch nicht genug Volumen, um den Raum zu füllen. Die starken barocken Affekte, das Leid und das Aufbegehren in Schütz „Auf dem Gebirge hat man ein Geschrei gehöret“ bleiben ebenso unterbelichtet wie der Biss und die expressionistische Kantigkeit bei Strawinsky. Aber noch ist ja Zeit für gute Vorsätze. Jörg Königsdorf

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KUNST

Abtauchen in

die Unschärfe

Aus einigen Metern Entfernung mag man die Bilder von Edda Jachens in die „Konkrete Malerei“ einordnen: „Alles ist messbar, auch der Geist“, postulierte Theo van Doesburg, der 1924 den Begriff „konkret“ in die Kunst einführte. Edda Jachens Formvokabular allerdings entzieht sich dem Betrachter, je näher er an die Bilder tritt. Die Schau im Mies van der Rohe Haus zeigt, wie die 1960 geborene Bremerin Abstand von der Doesburg-Doktrin nimmt – und das schon im sybillinischen Ausstellungstitel Vom Schein des Konkreten (Oberseestr. 60, bis 6.Februar, Katalog 16 €).

Dabei fängt Edda Jachens ganz „konkret“ an. Die Acrylfarbe auf hölzernem Bildträger bildet zunächst scharf umrissene Geometrien: Kreisformen, einfache Rechteckkompositionen oder rhythmische Muster. Dann gießt die Künstlerin eine halbtransparente, mal rot, mal blau eingefärbte Paraffin-Schicht über die Malerei, die wie eine feine Eisfläche über den Bildstrukturen liegt und sie in die Unschärfe abtauchen lässt. Die Künstlerin lässt die Flächen schweben. Den Betrachter lädt sie zur Meditation ein. Mit Titelfindungen wie „Oratorium“ oder „Ikone“ spielt die Malerin gar auf religiöse Sphären an. Die Konkrete Kunst schob derlei Bedeutungsräumen einen Riegel vor. Edda Jachens öffnet ihnen eine Hintertür. Jens Hinrichsen

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