Kultur : KURZ & KRITISCH

Rebecca Menzel

KUNST

Kuriose

Lücken

Es ist noch nicht lange her, da begrüßte die EU mit großem Hallo ihre zehn neuen Mitglieder. Man sah freudestrahlende Politiker und bunte Fahnenmeere. Ganz andere Bilder der jüngsten Beitrittsländer haben jetzt Alexander Tolnay vom Neuen Berliner Kunstverein und sein Co-Kurator Manfred Schmalriede in ihrer Ausstellung Bitte lächeln!, Aufnahme! im Martin-Gropius-Bau (Niederkirchnerstr. 7, bis 14. Februar) zusammengetragen. Im Mittelpunkt stehen die Menschen und ihr Alltag, der einem Welten entfernt erscheint, kann man nicht auf persönliche Kontakte oder Reiseerfahrungen zurückgreifen. Die Bilder verbindet ein liebevoller, zum Teil ironisch gebrochener Blick, wie ihn wohl nur Landsleute besitzen. Die einzelnen Fotografen haben ihn als Repräsentanten ihres Landes auf ihre unmittelbare Umgebung geworfen. Es sind Schnappschüsse, frei von jeder inszenierten Ästhetik, die schmunzeln lassen und zugleich ein Gefühl davon vermitteln, wie viel soziales Elend sich hinter den vielen fröhlichen Gesichtern verbirgt. Die bittere Armut ebenso wie der Galgenhumor, den Rimaldas Vikšraitis bei einer litauischen Bauernfamilie schon zu Beginn der Achtzigerjahre dokumentiert hat, scheinen auch zwei Jahrzehnte später dieselben geblieben zu sein. Die einschneidenden Veränderungen vor allem in den Städten dokumentieren wiederum die Fotografien von Mart Viljus, der im estnischen Tallinn Orte aufsuchte, die er bereits 1989 abgelichtet hatte. Seine Bilder zeigen, wie einstige sozialistische Errungenschaften aus dem Stadtbild verschwinden und kuriose Lücken hinterlassen.

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ARCHITEKTUR

Steinerner

Protest

Die Fachpresse hat es gefeiert, die Architekturpreise purzelten und der deutsche Pavillon präsentierte es auf der Architekturbiennale in Venedig: das Haus „9 x 9“ des Augsburger Architekten Titus Bernhard, benannt nach der Grundfläche auf dem schmalen Handtuchgrundstück in der Marktgemeinde Stadtbergen. Nur die Leut’ mögen ihn nicht, diesen „steinernen Protest gegen Jodel-Häuser“ (Bernhard), und so gab es nachbarlichen Streit, der noch längst nicht ausgestanden ist (die für Außenstehende erheiternden Stellungnahmen und Schriftsätze sind in der Ausstellung dokumentiert). Zwar hat das Haus ortsübliche „Kaffeemühlenform“, doch Wände und Dach sind nahtlos mit bruchsteingefüllten Drahtkörben, „Gabionen“, verkleidet, die der Rundbogen und Barockerker liebende brave Bürger als Affront empfindet.

Bernhard – man wird noch viel von ihm hören – hat weitere Häuser gebaut, auch diese aus dem Innenraum entwickelt, weiß strahlende (ein Jahr bei Richard Meier hinterließ Spuren), in den Hang gegrabene oder mit Trockenmauerwerk konstruierte, preiswerte und teure. Es sind traumhafte Gehäuse, nahe der Sprache der klassischen Moderne, doch immer überraschend, von entschiedener Individualität, „Architektenhäuser“ im besten Sinn – und deshalb selten mit dem Geschmack des typischen Häuslebauers kompatibel. In der Galerie Aedes West sind die Modelle zu sehen (Stadtbahnbogen 600, Savignyplatz, bis 13. Februar: Katalog 10 €): ein Augenschmaus, und Anregung für Bauherren allemal. Falk Jaeger

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KLASSIK

Klingende

Delikatessen

Eigentlich unerklärlich, warum sich die Berliner Opernhäuser und Orchester nicht längst um Michael Helmrath reißen: Sergiu Celibidache hat das Dirigiertalent des gelernten Oboisten einst entdeckt und den Solisten der Münchner Philharmoniker ermutigt, von seinem Pult aufzustehen und sich vorne aufs Podium zu stellen. Seit 1999 ist Helmrath nun Chefdirigent der Brandenburger Symphoniker und er hat ganz Erstaunliches mit dem Orchester erreicht, wie man jetzt beim Gastspiel im Berliner Konzerthaus erleben konnte. Ein Neujahrskonzert mit Potpourri-Programm, um 11 Uhr und dann noch einmal um 15 Uhr – das sind Termine, vor denen sich ein Musikkritiker fürchtet. Doch Helmrath wischt schon im einleitenden „Bajazzo“- Vorspiel alle Bedenken beiseite. Der 51-Jährige weiß, wie man Musik aufblühen lässt. Große Gesten braucht er dafür nicht. Helmraths Dirigierstil ist unprätentiös, die linke Hand – im Gegensatz zur taktangebenden Rechten für das Heraufbeschwören des Ausdrucks zuständig – setzt er sparsam ein. Dennoch entsteht sofort ein delikates, durchsichtiges Klangbild, die Geigen leuchten trotz der relativ kleinen Besetzung, das Ganze hat den Puls, den Atem echter Italianità.

Wer Michael Helmrath in Brandenburg als Operndirigent erlebt hat, weiß, dass er ein aufmerksamer Begleiter seiner Solisten ist. Hier, auf dem Konzertpodium, entpuppt er sich als echter Sängerfan, applaudiert Konstanze Löwe, Diana Gilchrist, Reiner Goldberg und Alexander Marco-Burmester nach ihren Arien – und darf sich selber über die Begeisterung im ausverkauften Saal freuen. Am 11. März bringt er in Brandenburg, wo das Theater schwer unter dem Spardruck ächzt, seine nächste Premiere heraus: Smetanas „Verkaufte Braut“. Frederik Hanssen

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