Kultur : KURZ & KRITISCH

Anne Mareile Moschinski

KUNST

Der Wind

hat ihr ein Lied erzählt

Krisenherd Nahost: Wie oft sind Nachrichten über palästinensische Selbstmordattentate und israelische Vergeltungsschläge auf dem Fernsehbildschirm. Die israelische Künstlerin Ruth Dorrit Yacoby setzt den Bildern der Gewalt einen persönlichen Schamanismus entgegen. In ihren Arbeiten will sie auf das Leid der sterbenden Kinder und ihrer trauernden Mütter aufmerksam machen. Auslöser für ihren Bilder-Zyklus The Woman of the Thousand Voices war ein spirituelles Erlebnis. Die in der Wüste lebende Künstlerin hörte plötzlich Kinderstimmen in ihrem Haus. Für Yacoby waren es die Stimmen von Terroropfern, die sich bei ihr bemerkbar machen wollten. Fortan schrieb sie religiöse Verse, die von ihr in eine schillernde Bildersprache übersetzt werden.

Jedes noch so winzige Detail ihrer in der Galerie im Körnerpark (Neukölln, Schierker Str. 8, bis 16. Januar, Di-So 11 bis 17 Uhr) ausgestellten Assemblagen ist mit Bedeutung aufgeladen. Weiße Vögel symbolisieren seelische Zustände, Bäume in sattem Grün sind Ausdruck menschlichen Lebens, und Spiegel im Miniaturformat, die zwischen aufgeklebten Sträuchern und Blättern hervorblitzen, konfrontieren den Betrachter mit sich selbst. Am unteren Bildrand hängen kleine Öllampen, dazwischen befinden sich verwitterte Holzstücke oder Plastikplanen. Die Botschaft verliert sich im Nippes, was Kritik an der Allmacht medialer Bilderwelten sein möchte, ist am Ende doch bloß süßlich orientalisch duftender Kitsch.

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ARCHITEKTUR

Sind so

schräge Wände

Die Architektin Zaha Hadid ist berühmt für die dynamische Formensprache ihrer Projekte, die lange als unbaubar galten. Noch immer wecken ihre Häuser Erstaunen, wirken sie doch wie Raumschiffe, die gerade gelandet sind. Wer allerdings Hadids Konzept auf die „spacige“ Wirkung reduziert, unterschätzt die Qualitäten der organisch fließenden Räume, die sie zu gestalten weiß. Gebogen oder gefältelt, mit schrägen Stützen und spitzen Vordächern, sind die wenigen Bauten Hadids atemberaubende Solitäre.

Etwa die Vitra-Feuerwache (1990/94) in Weil am Rhein, die inzwischen als Museum dient. Ebenfalls in Weil steht der Pavillon der Landesgartenschau. Aus schmalen Bändern zusammengesetzt, bietet der Sichtbetonbau eine bemerkenswerte modellierte Architekturlandschaft. Die kraftvoll plastische Qualität von Hadids Arbeiten kennzeichnet auch das „Phaeno Science Center“, das derzeit in Wolfsburg entsteht. Ähnlich unkonventionell wie ihre Bauten kommt die große Werkmonographie daher (Das Gesamtwerk, Birkhäuser Verlag, Basel 2004, 130 €). Die vier Bände, die ausgewählte Werke, Projekte, Skizzen vorstellen und begleitende Essays enthalten, sind wie bei einem Steckspiel von drei Seiten in den Schuber zu schieben. Jürgen Tietz

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