Kultur : KURZ & KRITISCH

Carsten Niemann

KLASSIK I

Aidas

Gartenschlauch

Was ist los in der Phiharmonie ? An der Garderobe stampft uns der gut gelaunte Ton einer fetten Tuba entgegen; im Hintergrund mischt sich Applaus mit Juchzern von Trompeten und Flügelhörnern. „Das etwas andere Konzert“ haben Bob Ross und sein Ensemble Blechschaden angekündigt – und nicht zu viel versprochen. Das, was im Foyer die Stimmung anheizt, ist erst die „Vorgruppe“: Zwei Berliner Amateurensembles, Zentralkapelle und Junges Ensemble Berlin , hat Ross eingeladen, um den Laden gemeinsam mit seiner Truppe aufzumischen. 20 Jahre hat „Blechschaden“ mit einem Auftritt in der Berliner Philharmonie gegeizt. Doch jetzt füllt der 1,58 m große Schotte den ausverkauften Saal in jeder Hinsicht: Er dirigiert mit Händen und Füßen, Charme und Chapeau Claque, imitiert mit den Fingern ein halbes Orchester und kalauert sich mit britischem Humor durchs Programm. Wagners „Ring“ in drei Minuten? „Aida“ auf dem Gartenschlauch? Kein Problem! Doch die Musiker der Münchner Philharmoniker – zu täglichem Frackzwang in der Kulturvollzugsanstalt am Gasteig verurteilt – verraten ihre Liebe zum klanglichen Feinschliff selbst dort nicht, wo sich Mozart und Moik auf die Schulter schlagen. Die letzte Pointe setzt das Publikum. Es klatscht so lange, dass die überraschten Musiker vom Veranstalter aus derGarderobe nochmals auf die Bühne gezerrt werden müssen.

* * *

KLASSIK II

Musikalische

Landkarte

Wer würde wohl Millionär, wenn es darum ginge, die zehn neuen Mitglieder auf einer Europa-Karte ohne Ländernamen wiederzufinden? Und wetten, dass kein Kandidat den Beitrittsstaaten ihre Nationalhymnen fehlerfrei zuordnen könnte? Oder hat da etwa jemand heimlich geübt mit der CD Hymnen Europas , die der Dirigent Peter Breiner mit dem Radio Sinfonie Orchester Bratislava für die Firma Naxos eingespielt hat? Kaum mehr als eineinhalb Minuten dauert jede der 25 Melodien, als Dreingabe gibt es den vierten Satz aus Beethovens neunter Sinfonie, dessen „Ode an die Freude“ ja zum klingenden Banner der Union erkoren wurde. Die älteste Hymne haben, natürlich, die Briten (seit 1795). Erst 1993 dagegen konnten sich die Slowaken für ihre eigene nationale Erkennungsmelodie entscheiden – und wählten eine Volksweise mit dem Text: „Ob der Tatra blitzt es, dröhnt des Donners Krachen! Doch der Stürme Wehen wird gar bald vergehen. Brüder, wir erwachen!“

Sieht man einmal von der unschlagbar mitreißenden Marseillaise ab, dürfen sich die Italiener rühmen, die schmissigste Hymne in der EU zu haben: Was Michele Novaro da erdacht hat, würde sich auch blendend als Triumphmarsch in jeder Oper des 19. Jahrhunderts machen. Im Übrigen wird in Europa wenig martialisch marschiert und viel feierlich geschritten. Aus der Reihe tanzen nur Polen, Griechenland und Zypern mit heiteren Dreierrhythmen. Die Bundesrepublik Deutschland hat übrigens die einzige Hymne, die von einem wirklich bedeutenden Meister der Klassik komponiert wurde (nämlich von Joseph Haydn). Die Österreicher dagegen wissen nicht genau, von wem ihre Melodie nun stammt. Sie könnte von Mozart sein – vielleicht aber auch von Johann Holzer. Frederik Hanssen

* * *

KUNST

Spanische

Elegien

Wer bislang Hannover für den Alptraum der autogerechten Stadt gehalten hat, möge sich ins rheinische Leverkusen begeben und dort Schloss Morsbroich suchen: eine Lehrstunde in Nachkriegsverkehrsplanung ist ihm sicher. Entlohnt wird man allerdings mit einem vorzüglichen Museum – und derzeit einer ebenso vorzüglichen Ausstellung zum Werk des Amerikaners Robert Motherwell (1915– 1991). Er zählte zu den wichtigsten Vertretern der New York School des Abstrakten Expressionismus. Vor genau 50 Jahren waren seine Werke erstmals in Deutschland zu sehen – im Schloss Morsbroich, das mit der jetzigen Ausstellung zugleich dezent an die einstige Rolle als Vorposten der zeitgenössischen Kunst erinnern will (bis 30. Januar, Katalog 20 €).

Motherwell schlägt in seinem Œuvre, das mit dem Titel seiner weit über 100 Gemälde umfassenden Bilderserie „Elegy to the Spanish Republic“ bekannt geworden ist, eine Brücke zwischen Europa, Amerika und Asien. Aus Europa übernahm er die Methode der écriture automatique der Surrealisten, aus Japan die ehrfürchtige Behandlung von Malmitteln und Malgrund. In diesem graphischen Medium erzielte er die vielleicht authentischsten Resultate, weil die Eigenart der verlaufenden, an den Rändern neue Farben bildenden Tusche seiner „absichtsvollen Absichtslosigkeit“ am nächsten kam. Die Leverkusener Werkschau ist keine Retrospektive, dazu muss sie sich zu stark auf einzelne Leihgeber verlassen; aber sie gibt doch einen guten Überblick über Motherwells zugleich stilles wie kraftvolles, leises wie anklagendes Œuvre. Bernhard Schulz

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben