Kultur : KURZ & KRITISCH

Isabel Herzfeld

KLASSIK

Schlager

des Barock

Nicht jeder liebt Barockmusik. Die Rezensentin jedenfalls outet sich hier durchaus als Feindin eines herzlos heruntergehämmerten Nähmaschinen-Barock, auch manch authentischen zickigen Zirpens. Doch vor dem Glanz, dem Farbenreichtum, der Geschmackssicherheit und dabei lebendigen Spontaneität der Akademie für Alte Musik muss sie die Waffen strecken. Nur zu berechtigt der „Da- Capo!“-Brüller eines begeisterten Zuhörers im Berliner Konzerthaus nach Johann Pachelbels berühmtem Kanon – der durch seine „Patterns“ und die Auszierungen der immer gleichen Grundtonabfolge zum inspirativen Material sogar der Pop-Musik geworden ist. Die Akademie-Musiker spielen mit einem mitreißenden, vom Grundpuls ausgehenden drive, in dem die polyphonen Stimmverästelungen jedoch deutlich hervortreten.

Präziser Schwung und transparente Leichtigkeit bläst auch bei den übrigen Werken allen musealen Staub davon. Georg Philipp Telemanns Konzert für drei Trompeten, Pauken und Streicher bezieht seine dynamischen und emotionalen Steigerungen aus Piano-Behutsamkeit, aus der die siegreiche Magie der hohen Trompeten hervortritt. Solch herrschaftlichem Glanz setzt Händels Concerto grosso B-Dur den intimen Reiz von Oboe und Fagott entgegen, vertraut dem Cello berückende Kantilenen an. Midori Seiler und Georg Kallweit sind die Solisten in Bachs d-moll-Konzert für zwei Violinen und fügen sich bei allem energischem Zugriff doch in die übrige kleine Besetzung ein – eine Glanzleistung an Kammermusik. Die fast aggressive rhythmische Intensität lässt die historischen Instrumente zuweilen spröde, die tänzerische Formen leicht überdreht erscheinen. Doch die raschen Tempi verleihen Bachs D-Dur-Ouvertüre überwältigenden Schwung, dem berühmten Air fließende Innigkeit ohne jede Sentimentalität.

CUBA-JAZZ

Klassiker

der Karibik

Auf die Bühne tippelt er zwar äußerst bedächtig, aber ohne Gehhilfe. Dafür rasselt seine betagte Stimme wie ein Chekeré. Unlängst war Pío Leyva in dem von Wim Wenders produzierten Film „Música Cubana“ als Bindeglied zwischen alter und neuer „Son“-Generation zu sehen.

Jetzt tritt der 87-jährige Sänger als Stargast in einem 10-köpfigen Ensemble auf. Live from Buena Vista – The Havana Lounge vereint Musiker des legendären Buena Vista Social Club und den Afro Cuban All Stars, die zwar alle aus der zweiten Reihe stammen, aber musikalisch erstklassig sind. Zum Beispiel Guillermo Rubalcaba , der die moderne Klassik am Flügel mit gefühlvollem Afro-Substrat anreichert. Oder Daniel Ramos , eine Art kubanischer Wiedergänger von Fats Navarro, der mit seiner strahlend-scharfen Wolkenkratzer-Trompete den Saal verzaubert.

Für wirkliche Furore im ausverkauften Friedrichstadtpalast sorgen allerdings die jungen, hier zu Lande noch unbekannten Musiker an den Saiteninstrumenten. Ihre Triade aus Bass, Tres und Gitarre löst sich immer wieder von der Band und gibt feurig-vertrackte Highspeed-Improvisationen zum Besten. Sonst ist das Liedrepertoire eher klassisch: Zu den Hits wie „Chan-Chan“ oder „Guantanamera“ gesellen sich Sones, Boleros und Guarachas aus den 40er und 50er Jahren. Im Vordergrund stehen dabei der elegante Sänger Julio Fernández und – als Neuentdeckung – die kräftige Stimme von Ana Victoria Rodríguez . Sie tritt mit ihrem Gesangsvolumen in die Spuren von Mayelín, besitzt allerdings nicht das Feeling einer Omara Portuondo. Und Pío Leyva, der als Meister der Improvisation noch längst nicht ausrangiert ist, bringt sie im Duett in Verlegenheit. Für Charmeure von Format gibt es auf Kuba eben keine Altersgrenze. Roman Rhode

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