Kultur : KURZ & KRITISCH

Jörg Plath

THEATER

Der Führer

bei Tisch

Iris Berben könnte wahrscheinlich auch das Telefonbuch von Niedermoschel vortragen, und das Berliner Ensemble wäre gut gefüllt. Für die restlos volle Belegung der moralischen Anstalt sorgt Adolf Hitler, aus dessen „Tischgesprächen“ sie diesmal rezitiert. Eingewoben in des Führers größenwahnsinnige Petitessen: Aufzeichnungen von Augenzeugen und Überlebenden des Holocaust. Symbolische Düsternis umhüllt Bühne, Rezitatorin und die gruselbereite Gemeinde. Schwarz sind Bühne, Tisch und Stuhl, schwarz sind Hose, Gürtel und Rolli der Berben. Nur die Stele, vor der gelesen wird, ist weiß.

Hinter der Schauspielerin flackert bisweilen etwas auf, Gruselzeichen, Gruselbilder: die Ziffern „1941“, ein Kurzfilm mit Hitlerjungen, oder ein tanzender Führer. Regisseur Carlo Rola will die Seele erschüttern und doch Pietät wahren. Aber wenn Iris Berben der Bramabasiererei des Führers ihre gepflegte Stimme leiht, kehrt anstelle des Entsetzens Kopfschütteln und unfreiwillige Komik ein. Nach der Pause erreicht die Berben eine gewisse Pflicht-Erschütterung durch Augenzeugenberichten aus KZs. Welche mitfühlende Seele vermag sich nun noch ins kalte Bett zu legen? Auf den Weg bekommt man zum Trost eine Portion O-Mensch-Pathos, man hat es bitter nötig. Verse von Charlotte Delbo: „O ihr Wissenden,/wusstet ihr, dass das Leiden keine Schranke kennt/der Schrecken keine Grenze/Wusstet ihr es/ihr Wissenden.“ Wir wissen und leiden.

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WELTMUSIK

Drachentanz

und Tempelklänge

Das Bild der meisten Europäer von Japan ist klischeehaft. Das soll sich jetzt ändern. 2005 ist das offizielle „Japan-EU-Jahr der Begegnung“, das nun in Berlin mit der japanischen Musikperformance „Creative Tradition“ 2005 im Haus der Kulturen der Welt eröffnet wurde. Das Konzert beginnt mit einer traditionellen Zeremonie (Bugaku-Hoe) aus altjapanischer Gugaku-Musik, die seit 1200 Jahren am kaiserlichen Hof gespielt wird, dazu Gesang (Shomyo) und Tanz (Bugaku). Die Musiker in farbenprächtigen Kimonos spielen auf archaischen Tröten, Pfeifen und Trommeln. Ein Drachentänzer bewegt sich zu den sphärischen Klängen. Der kehlige Vokalgesang der Mönche erfüllt den Saal. Ihre Lippen bewegen sich kaum, sie sind vertieft in ihr Ritual, dessen genauer Sinn uns verborgen bleibt: Fächer und Ketten holen sie aus den Falten der grün-lila Mönchskutten hervor und lassen sie wieder verschwinden. Diese kaiserliche Hofzeremonie aus dem achten Jahrhundert hat der zeitgenössische japanische Tänzer und Komponist Maki Ishii (1936 – 2003) in seiner einsätzigen Shomyo Symphony II umgesetzt. Ishii verbrachte entscheidende Jahre seines Kompositionsstudiums in Berlin als Schüler von Boris Blacher und Josef Rufer. Seither pendelt er zwischen Japan und Deutschland.

Neben den Gugaku-Musikern sitzen nun Musiker der Kammersymphonie Berlin auf der Bühne. Mönchsgesänge vereinen sich mit Streichern, Xylophon und Harfe – und Einsprengseln von Camille Saint-Saens’ „Karneval der Tiere“. Eine Ballerina tanzt einen Reigen mit Drachentänzern. Dann ein kräftiger Gong und der Zauber ist vorbei. Vanessa Loewel

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