Kultur : KURZ & KRITISCH

Frederik Hanssen

KLASSIK 1

Aus feuchten

Gewölben

Auch im neuen Jahr arbeiten die Philharmoniker wieder hart an ihrerRepertoire- und Horizonterweiterung. Dabei machen sie es sich selbst nicht leicht – dafür aber ihrem Publikum. Zum Beispiel mit Olivier Messiaens liebestrunkenem Liederzyklus „Poèmes pour Mi“. David Robertson am Pult rückt das Frühwerk von 1937 in ästhetische Nähe zu Debussy, Joan Rodgers entwickelt ihren Gesang wunderbar geschmeidig ganz aus dem Fluss der französischen Sprache. Alles ist so klar und licht hier: Als wäre Mélisande aus feuchten Gewölben emporgestiegen, könnte endlich reine Bergluft atmen. Ganz bei sich ist auch George Benjamin. In seinen „Palimpsests“ gelingen dem 1960 geborenen Komponisten anrührend stille Stimmungen, wenn drei Perkussionisten mit dem Besen ihre Trommeln streicheln. Als klassischer Höhepunkt dann Beethovens Zweite: Robertson ist fest entschlossen, der spröden Schönen unter den Sinfonien des Meisters ein Lächeln zu entlocken, tanzt entfesselt auf dem Podium – und bekommt von den Philharmonikern diesen einmaligen, atemberaubend flexiblen Klang, der jeder Partitur des Freigeistes Beethoven zur maximalen Aufklärung verhilft.

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KLASSIK 2

In letzter

Blüte

Hat denn nun auch die so genannte traditionelle Moderne Bedeutendes hervorgebracht? Wäre die Avantgarde vielleicht sogar unnötig gewesen? Die Frage wird uns noch lange begleiten, die Umwälzungen des 20. Jahrhunderts sind längst nicht verdaut. So greift das RSB im Rahmen einer Konzertreihe zu Ehren Karl Amadeus Hartmanns die üblichen Denkmuster auf. Das Programmheft ergeht sich in Gegenüberstellungen von Musik, die Gefühle ausdrücken will und solcher, die leidenschaftslose Gehirnarbeit sein soll. Hartmann selbst wollte aus der überholten Tonalität letzte Blühten schlagen, was ihm durchaus gelungen ist. Die hervorragenden Solisten (das Vogler-Quartett und der Klarinettist Karl-Heinz Steffens ) lassen sein Kammerkonzert aufs schönste sprießen, das Werk ist eine Reminiszenz an eine alte Klangwelt, die zwar noch rühren kann, aber längst nicht mehr formbildend zu wirken vermag.

Wolfgang Rihm wird Hartmann als Bruder im Geiste gegenübergestellt, auch er propagiert ein traditionelles Ausdrucksideal. Sein „Sotto Voce“ verweigert sich aber leider jeden Belebungsversuches, allzu beliebig wirken die Klänge. Wie Schuberts dritte Sinfonie in das Programm gerutscht ist, wird zwar nicht so ganz klar, aber nach Rihms Schlummerstunde wirkt das Jugendwerk wie Champagner. Was Marek Janowski daraus macht, ist an Farbigkeit kaum zu überbieten. Wunderbar, es im Kammermusiksaal zu hören, man möchte hier einfach nahe dran sein. Ulrich Pollmann

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