Kultur : KURZ & KRITISCH

Jens Hinrichsen

KLASSIK

Aus der Tiefe

des Traums

Am Anfang herrscht Finsternis. Im Verein mit der großen Trommel dröhnt die Orgel im tiefen Register. Dann fleht der Chor zu Gott: „Aus den Tiefen rufe ich dich an“. In ihrer Vertonung von Psalm 130 variiert Lili Boulanger (1883-1918) den Bibeltext, lässt Gott doppelt anrufen, fügt ein in schmerzvollen Sekundenabständen gesetztes „Ah“ hinzu. Man kriegt Gänsehaut davon. Aus dem Helldunkel zerklüfteter Orchesterfiguren erhebt sich die ausdrucksvolle Altstimme von Manuela Bress, mischt sich mit dem Berliner Konzert Chor und dem Konzertchor Köln . Boulanger wurde maßgeblich von Gabriel Fauré (1845-1925) beeinflusst, den sie auch persönlich kannte.

In der Philharmonie lässt sich so eine kontrastreiche französische Kopplung erleben: Auf Zerrissenheit folgt Sanftmut. Faurés Requiem wirkte 1888 skandalös, weil es so friedfertig daherkam. Die Kirche sah sich eines Druckmittels beraubt, denn die Drohung mit Verdammnis war Fauré fremd. Jan Olberg dirigiert die üppige sinfonische Fassung von 1901, das im vergangenen Jahr neu gegründete Berliner Konzert Orchester empfiehlt sich mit samtigen Klängen und lebendiger Rhythmik besonders im „Agnus Dei“. Sylvia Weiss (Sopran) und Egbert Junghanns (Bass) sind gute Solisten, und die Choristen lassen verschmerzen, dass Faurés Totenmesse ein wenig süßlich „in paradisum“ ausklingt. Allzu parfümiert, um wahr zu sein.

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KUNST

Die Blaue Blume

des Dadaismus

„Blau ist die Farbe deines gelben Haares. Rot ist das Girren deines grünen Vogels. Du schlichtes Mädchen im Alltagskleid, du liebes grünes Tier, ich liebe dir!“ So dichtete Kurt Schwitters. Setzt sich Wolfgang Leber in seinem 1996 entstandenen Aquarell „Blaue Blume“ mit diesem grotesken Liebesgedicht „An Anna Blume“ auseinander? Die in einem Konstrukt blauer und schwarzer Linien eingebundene, gewächsartige Figur unterscheidet sich kaum von einer Blume. Ein Porträt, ein Psychogramm, eine Parodie auf die Blaue Blume der Romantik?

Die Galerie im Turm (Frankfurter Tor 1, bis 11. Februar) zeigt seine Zeichnungen aus vier Jahrzehnten, die zunehmend instabiler geworden sind. Linien spannen sich zu Geraden, Senkrechte steht gegen Waagerechte, Körper gegen Raum. Die Spannung zwischen Expressivem und Konstruktivem, Hell und Dunkel, Schwermütigem und Heiterem hält die Zeichnungen zusammen. Die abstrakt-gegenständlichen Bilder lassen mit ihrer visuellen Poesie die Welt zu Angstträumen gerinnen. Klaus Hammer

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