Kultur : KURZ & KRITISCH

Christian Schröder

POP

Verdammt lang her,

dass ich an meinem Grab war

Einer Legende nach wurde Maximilian Hecker entdeckt, als er am Hackeschen Markt mit umgehängter Gitarre den Passanten seine traurig-entrückten Lieder vorspielte. Das Debütalbum „Infinite Love Songs“ erschien 2001, Kritiker glaubten „die Zukunft des Pop“ (taz) zu hören, und in Israel stieg der Song „Polyester“ zur Radio-Hymne auf. Hecker, ein blasser junger, im Ostwestfälischen aufgewachsener Mann galt als „kommender neuer Superstar Berlins“ (Die Zeit). Die Legende stimmte immerhin zur Hälfte. Der Beatles- und Melanie-Fan war tatsächlich als Straßenmusiker aufgetreten, seinen Plattenvertrag bekam er, nachdem er dem damaligen Chef des Labels Kitty-yo, den er vom Fußballspielen kannte, ein Demo zugesteckt hatte.

„ Lady Sleep “ (kitty yo) heißt Heckers drittes Album, noch immer klingen seine Lieder sehr zart und zerbrechlich. Der Liedermacher strebt merklich ins E-Musik- Fach, aus mitunter geradezu chopinesken Klavieretüden erheben sich elegische Melodien von vertrackter Schönheit. In ihren besten Momenten erinnert die Platte an die enigmatischen Akustik- Pop-Skizzen von Vincent Gallo, in ihren schlechteren macht sich mit orchestralem Hall-und-Streicher-Pathos Kirchentagsergriffenheit breit. Heckers Problem ist seine Stimme. In dünnem Falsett fistelt er von seiner Liebe zu einer Frau, die „Anaesthesia“, Narkotikum, heißt oder gar, oh Schreck, vom eigenen Tod. „I walk to my own grave / And I watch the sun go down.“ Schwerer Fall von Weltschmerz (heute um 21 Uhr in der Kalkscheune).

* * *

KLASSIK

Der Tod

kommt per Post

Die Romantik muss eine todesverliebte Zeit gewesen sein. Kurz bevor sich Kleist mit seiner Geliebten mittels einer Pistole ins Jenseits beförderte, wurde er in Hochstimmung beobachtet. Vor dem Selbstmord hatte das Paar Briefe mit ironischen Vorankündigungen an Freunde geschickt. Dieter Schnebel webt in St. Jago- Musik und Bilder zu Kleist Autobiografisches aus dem Leben und Sterben des Dichters und dessen Novelle „Das Erdbeben von Chili“ zu einer Textcollage. Auch dort geht es um den Tod eines Liebespaars. Im Werner-Otto-Saal des Konzerthau ses spielt das Kammerensemble Neue Musik , aufgeteilt in eine reich besetzte Perkussionsgruppe und ein gemischtes Ensemble.

Die Aufführung im Rahmen des Ultraschall-Festivals ist eine Freude für alle, die Kleists Texte zu schätzen wissen, denn Schnebel lässt die Darsteller in streng musikalisierter Weise sprechen. Tempo, Rhythmik und Lautstärke geben jeder Passage ein eigenes Gepräge. Die meist zurückhaltende Musik und die kurzen Gesangseinlagen kommentieren das Geschehen, halten durch Kontrastierung über 90 Minuten die Spannung. Schade, dass Regisseurin Cornelia Heger die Darsteller nicht sehr schlüssig führt, die Inszenierung wirkt formelhaft und unterakzentuiert. Ulrich Pollmann

THEATER

Die Braut

haut ins Auge

Ein unauflösbarer Bund wird geschlossen: Eine Frau in Weiß vermählt sich mit dem Davidstern, dem Symbol für das Judentum, das zugleich eine lange Leidensgeschichte aufruft. Die israelische Schauspielerin Smadar Yaaron zelebriert in ihrem Solo „ Wishuponastar “ (25.1., 20 Uhr und 26.1., 22 Uhr) , das beim Festival spielzeiteuropa im Haus der Berliner Festspiele zu sehen ist, ein makaberes, ein blasphemisches Hochzeitsritual. Kopfüber hängt sie von dem überdimensionalen Stern: eine waghalsige Zirkusnummer ohne Netz und doppelten Boden. Dazu ertönt das Vorspiel aus Wagners „Rienzi“.

Das Akko-Theater ist bekannt für seine Tabubrüche, die Erkenntnisschocks auslösen. Ein Abend der mutwilligen Grenzverletzungen. Die Wucht des Symbols schlägt auf Yaaron zurück. Sie keucht und schreit unter dem Stern: eine blasphemische Begattungsszene. Und verkündet, dass sie schwanger ist – mit dem Messias.

Yaaron markiert auf ihrem Körper die Regionen ihres „herzlichen Heimatlandes“: Jerusalem ist der Bauchnabel, der Gazastreifen schmerzt. Die Orangenplantagen: Pflanzungen der Palästinenser. Jüdische Identität wird so demontiert, der Feind wütet im eigenen Innern. In kunstvollen Überblendungen erzählt Yaaron von einer apokalyptischen Reise nach Jerusalem: Biblische Überlieferung wird mit der mörderischen Realität von heute kurzgeschlossen. „Wishuponastar“ formuliert eine Fundamentalkritik, die auch die Grundwerte von Religion und Staat attackiert. Die Braut haut ins Auge. Sandra Luzina

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