Kultur : KURZ & KRITISCH

Sandra Luzina

THEATER

Striptease

à la carte

Strippende Briten – will das wirklich einer sehen? Wenn die Performer von Duckie zur Table-top-Performance bitten und das Hebbel am Ufer in einen Nightclub verwandeln, spekuliert so mancher auf scharfe Szenen. Doch bei „C’est Vauxhall“ (noch bis 23.1.) stellt sich nur für Miesepeter die Frage: Sex oder no sex? Ein Spiel mit den Erwartungen der Zuschauer wird angezettelt. Die sitzen an Tischen, wählen die Acts à la carte und bezahlen mit Duckie-Dollars. „James Bond in perverted. Pussy“ oder doch lieber „Glockenspiel High Leg Kick“? Aber es ist ganz anders: Duckie entlehnt die Form einer Striptease-Show, um sie zu unterlaufen. Die Performer sind käuflich, bieten aber keine Attraktionen, keine Perversionen. Und sind kein bisschen devot.

Entzückend die kleinen Choreografien, mit denen die Duckies den Revue-Glamour aufs Korn nehmen und schon mal die Schwänzchen in die Höhe strecken. Die hautfarbenen Bodys enthüllen vor allem, dass keine Idealmaße geboten werden, mit Ausnahme der langen Beine von Francesca, auch Miss Kick genannt. Ansonsten werden die Freuden gewöhnlicher Körper geboten. Darin liegt der Reiz – auch wenn es der Premiere ein wenig an Tempo fehlt. Ständig hat man das Gefühl, am Nebentisch sei die Stimmung exstatischer. Da stöhnt etwa der mollige Christopher Green aus Molly Blooms berühmtem Monolog: „Yes, yes!“ Klingt orgiastisch – und ist original James Joyce. Vor intellektuellen Ausschweifungen muss keinem bange sein, auch nicht vor dem angekündigten emotionalen Striptease. Vor dem Genuss britischen Sekts wird allerdings gewarnt.

* * *

FILM

Einöde

im Herzen

In Lappland ist alles extrem: die Kälte, die Weite, das Weiß. Im Winter ist es immer dunkel, im Sommer dauernd hell. Ausgerechnet in dieser kargen Landschaft drehte Hans W. Geißendörfer einen Film über die Liebe, seinen ersten fürs Kino seit elf Jahren. „Schneeland“ (im Moviemento, Neues Kant, Toni) ist ein Heimatfilm – in fremder Landschaft. Die Schriftstellerin Elisabeth (Maria Schrader) verliert ihren Mann (Martin Feifel) durch einen Autounfall und reist in die Schneewüste Lapplands, um sich das Leben zu nehmen. Im Kampf mit den Lebensgeistern stößt sie auf die Leiche einer Frau, die in der Nähe eines verlassenen Gehöfts unter einer Schneedecke liegt.

Elisabeths nun in langen Rückblenden einsetzende Spurensuche ist die eigentliche Substanz des Films: Geißendörfer breitet das Leben der jungen Inna (Julia Jentsch) mit wuchtiger Direktheit aus – daneben wirkt Elisabeths Trauerarbeit bald wie ein lästiges, ständig wiederkehrendes Einsprengsel. Abgeschieden lebt Inna auf dem Einödhof, den sie mit ihrem buckligen, tyrannischen Vater (Ulrich Mühe) bewohnt. Der Vater schreit, spuckt, tobt – und packt sich die Tochter, wann es ihm passt. Geißendörfer zeigt das Gewaltverhältnis mit schmerzhaft schonungsloser Deutlichkeit. Eines Sommers kommt der Pferdehirt Aron (Thomas Kretschmann) ins Hochland. Inna verliebt sich – doch der Vater beansprucht sein Recht auf sie. „Schneeland“ beruht auf einem preisgekrönten Roman der Schwedin Elisabeth Rynell. Zwei gezeichnete Menschen finden zueinander: eine ungewöhnliche Liebe, die reinigt und heilt. Eine Liebe, die es in Geißendörfers Dauer-Erfolgsserie „Lindenstraße“ so niemals geben könnte. Birgit Rieger

* * *

KLASSIK

Klarinette

mit Seufzer

Die Klänge in Toshio Hosokawas „Variations“ für Bläserensemble (1994) erinnern an japanische Tuschzeichnungen: vom breiten, die Hauptlinie markierenden Pinselstrich spalten sich immer wieder feine Linien ab. So fließen in langen Atemzügen die Töne dahin, reichern sich vierteltönig mit Seufzerfiguren an, schwellen zu leuchtenden Akkorden und wagen nach jähem Absturz den Neuanfang. Für Sabine Meyer und ihr Bläserensemble Gelegenheit, ihre weichen, farbigen, gut ausbalancierten Klangqualitäten in ausdrucksvoller Dichte zu entfalten. Das gelingt sonst nur noch in Mozarts Es-Dur-Serenade, deren gesanglicher Melodik die Klarinettistin die klar formulierende Stimme leiht. Ansonsten plätschert dieser Abend im Kammermusiksaal der Philharmonie ziemlich lustlos dahin. Das liegt nicht zuletzt am Programm, das in der Tradition der unterhaltenden „Harmonie“-Musiken verbleibt: Es wetterleuchtet ja noch ganz hübsch in Rossinis „Wilhelm Tell“-Ouvertüre (Arrangement Wenzel Sedlak), aber das frühe Schubert-Fragment erhält trotz harmonischer Reize kein rechtes Profil. Auch die Oktett-Partita des Beethoven-Zeitgenossen Franz Krommer vermag trotz des aufmunternden Titels „La Chasse“ nicht zu zünden – die Musiker sitzen brav auf ihren Stühlen und liefern alles korrekt ab. Es fehlt der Pep, den solche Musik nun mal braucht. Isabel Herzfeld

» Mehr lesen + gratis Kino für Sie!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben