Kultur : KURZ & KRITISCH

Silvia Hallensleben

FILM

Im Unterholz

der Erinnerung

Der Dokumentarfilm Stimmen aus dem Wald führt uns in ein Dorf in Litauen, wo zwischen 1941 und 1944 über hunderttausend Menschen systematisch erschossen und in Massengräbern verscharrt wurden, die meisten von ihnen Juden. Drei Jahre haben die Deutschen und ihre Helfer in Ponar gewütet. „Freitag, 11. Juli 1941. Das Wetter ist schön. Es weht ein warmer Wind. Vom Wald her hört man Schüsse.“ So beginnt das Tagebuch von Kasimierz Sakowicz, der akribisch notierte, was er damals sah und hörte, bevor er selber umgebracht wurde. Durch einen Zufall bekamen die israelischen Filmemacher Yaron Kaftori und Limor Pinhasov Ben Yosef die Aufzeichnungen in die Hände. Sie machten sich auf die Reise nach Ponar.

Kann man an einem Ort leben, in dessen Erde Hunderttausende ihr Leben gelassen haben? Und welche Spuren hinterlassen die Erinnerungen an das Morden, das hinter dem Gartentor geschah? Im Unterschied zu den mittlerweile im korrekten Mittätersein gewieften Deutschen gehen die dörflichen Litauer auch heute noch unbedarft offen mit dem Erlebten um. Die damals junge Frau, die es ganz lustig fand, für die feschen Soldaten zu kochen. Die Profiteure, die von nichts mehr wissen wollen. Trotzdem haben einige Opfer unter unglaublichen Umständen überlebt. Und auch mutige Seelen gab es, die Flüchtige unter Lebensgefahr bei sich aufnahmen: Nur viel zu wenige waren es (im fsk ).

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KLASSIK

Erst fängt es ganz

langsam an, aber dann

Auch wenn Shlomo Mintz nach zwei Mozart-Konzerten ein sinnlich glühendes „Zigeuner“-Stückchen zugibt, bleibt der Beifall im Kammermusiksaal der Philharmonie in Grenzen – das Publikum mit Kunststückchen einzufangen, ist seine Sache nicht. Der israelische Geiger steht ganz im Dienst der Sache. Für das D-Dur-Violinkonzert wählt er, der auch das ausgezeichnete English Chamber Orchestra mit Sorgfalt dirigiert, bedachtsame Tempi, die ihm das Ausspielen auch der raschesten Figurationen mit absoluter Deutlichkeit erlaubt. So entsteht Gesanglichkeit, Poesie statt seelenloses Gefiedel. Im A-Dur-Konzert kippt diese berührende Introvertiertheit zuweilen in allzu perfektes Gleichmaß um. Ein wenig mehr vorwärtstreibender Schwung und kontrastreiche Dynamik dürfte es schon sein. Umso erstaunlicher, wie der Dirigent bei Mozarts „Jupiter“-Sinfonie dem Geiger den Rang abläuft, sein Musizieren immer freier und lockerer wird. Doch gerade im schwierigen Fugato-Finale entfaltet sich eine Leichtigkeit und Spiellaune, die das Publikum restlos hinzureißen vermag. Isabel Herzfeld

KLASSIK

Die Erde ist

ein dunkler Ort

Zwei gewaltige Gipfel, aufgeschichtet aus collagiertem Musikmaterial, hat Sakari Orama für seine Konzerte mit den Berliner Philharmonikern zusammengestellt. Charles Ives’ 4. und Dmitri Schostakowitschs 11. Symphonie rückt der Nachfolger von Simon Rattle beim City of Birmingham Orchestra in den Rahmen eines bebenden Abends in der Philharmonie . Ives’ entwaffnende Offenheit, seine spirituelle Tiefe und sein Humor wiegeln immer wieder Orchestergruppen gegeneinander auf, lassen Marching Bands übers Podium fegen, um ganz plötzlich die Tür zu einer alten Kirche aufzustoßen.

Eine uramerikanische Kollision von prallem Leben und transzendentem Erleben, die gar nicht radikal und zugleich lustvoll genug aufgeführt werden kann. Die Philharmoniker blieben elegant in ihren Fräcken – und bestätigten so das Bild von Ives als einem im Kern utopischen Komponisten. Dichter, drängender, drückender dagegen Schostakowitsch. Seine symphonische Erinnerung an das zaristische Massaker von 1905 singt auch der Revolution das Grablied, lautstark ihre Lieder zitierend. Oramo lädt die Spannung bis zum Bersten auf, die gewaltigen orchestralen Entladungen schleudern zornige Blitze auf einen finsteren Planeten, auf dem Menschen verzweifelt darum ringen, den Glauben nicht zu verlieren. Eine dunkle Sternstunde (noch einmal heute, 20 Uhr) . Ulrich Amling

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THEATER

Die Stunde Null

findet nicht statt

Das Nationaltheater in Kabul hat ein deutscher Architekt gebaut – ein konventionelles Haus mit Rängen und einer Drehbühne. Als Tom Stromberg 2002 zum erstenmal nach Afghanistan reist, steht er vor einer Ruine. Ein maroder, nass-kalter Raum in der Universität ist der Ersatz. Es muss weitergehen. In der Hochschule gibt es keine Bücher, die Bibliothek ist abgebrannt. Aber das Haus ist voller junger, motivierter und hoffnungsvoller Studenten. Der Strohhalm, nach dem sie greifen, heißt Theater. Hoffnung Theater ist auch der Titel einer neuen Veranstaltungsreihe der Akademie der Künste , die sich mit Theater in Kriegs- und Krisengebieten befasst. Neben dem Hamburger Intendanten Stromberg berichteten bei einer Diskussion auch Theaterwissenschaftlerin Julia Afifi und Filmemacher Peter Krüger, der im inguschetischen Nasran Brechts „Courage“ inszenierte, von ihren Erfahrungen. Theater bedeutet im neuen Frieden nicht nur Unterhaltung, „es ist ein eingreifendes Medium und dient dem Aufbau der Zivilgesellschaft“, sagt Afifi. In Kabul ist Theater so wichtig, dass eine Premiere nicht einmal wegen eines Bombenanschlags verschoben wird. Susanne Wallentin

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