Kultur : KURZ & KRITISCH

Carsten Niemann

KLASSIK

Flatternde

Nachtigallen

Der große Händel spielte Orgel, Geige sowie Cembalo (und soll in privatem Kreis auch noch schlecht, aber beeindruckend ausdrucksvoll gesungen haben). Das musikalische Fachidiotentum unserer Tage lässt so etwas kaum noch zu. Um so erfrischender, einem Ensemble zu begegnen, dessen Mitglieder auf mindestens zwei Instrumenten exzellieren. Ensemble Mediolanum nennen sich die drei jungen Leute von der Frankfurter Musikhochschule. Vorgestellt haben sie sich im Kammermusiksaal der Philharmonie in der Reihe „Debüt im DeutschlandRadio“ (Sendung am 24. Januar um 20.03 Uhr). Nun hatten die Musiker die Messlatte mit ihrem virtuosen Programm sehr hoch gelegt – so musste Felix Kochs Gambenton im direkten Wettstreit mit dem überragend fingerfertigen Blockflötenspiel von Sabine Ambos etwas abfallen. Und auch von Wiebke Weidanz hätte niemand verlangt, sich nebenbei mit Bachs chromatischer Fantasie zu exponieren: Der spannende Wechsel der Klangfarben, kombiniert mit dem klaren Sinn für klare poetische Ideen, bot bereits genug Höhepunkte. Einer war der bukolische letzte Satz aus einer Sonate von Sammartini, grundiert vom bocksbeinigen Celloton des jetzt überaus präsenten Felix Koch, ein weiterer eines der sträflich unterschätzten Altblockflöten-Duette Telemanns: Unter den Fingern von Sabine Ambos und Wiebke Weidanz geriet das Stück zu einem hinreißenden Wettstreit zweier draller, eifersüchtig flatternder Nachtigallen. Viel Applaus – und viele glückliche Gesichter.

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TANZTHEATER

Zuckende

Job-Hopper

Welch hübsche Ironie! Ausgerechnet mit „No Money, No Love“ kam für Jochen Roller der Erfolg. Das Solo zeigt einen arbeitslosen Tänzer, der sich in der neoliberalen Arbeitswelt durchschlägt. Auch Roller hat schon bei H&M T-Shirts gefaltet und dabei kleine Choreografien geprobt, künstlerische Antworten auf ausdauerndes Patentfalten: Das Tanzen wird taylorisiert, in kleinste Arbeitsschritte zerlegt. „No Money, No Love“ ist der Auftakt von Perform Performing , einer Trilogie „über den Sinn und Unsinn, Tanz als Arbeit zu betrachten“ im HAU 3 (noch einmal heute 20 Uhr). Man glaubt einem Trainingsseminar für den hochmotivierten Job-Hopper beizuwohnen. Immer neue Strategien werden hier durchgespielt: des ökonomischen Überlebens und der künstlerischen Selbstbehauptung. Der Mann lässt wirklich nichts unversucht: Auf der Bühne sieht man ihn Briefe kleben, Cocktails mixen, elektronische Muskeltrainer testen. In „That’s the way I like it“ befragt er drei Namensvetter mit soliden bürgerlichen Berufen nach dem Wert seiner Arbeit. Mit Witz und Ironie werden die Absurditäten der Künstlerexistenz beleuchtet. Tanz den Kapitalismus – Jochen Roller macht es vor. Und ist damit künstlerisch in der Gewinnzone angekommen. Sandra Luzina

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LYRIK

Schleichende

Verse

„der sommer schleicht sich unausdenkbar langsam/wie es die art von träger masse ist/er läßt dem regen barcelona, er läßt dem regen trinidad/und schleicht sich unausdenkbar langsam,/wie es die art von träger masse ist.“ Wie es die Art guter Gedichte ist, zieht „schleicht sich“ von Monika Rinck den Leser beinahe unmerklich in seinen Bann. Dass man den schleichenden Versen der 1969 in Zweibrücken geborenen und heute in Berlin lebenden Dichterin schnell in die Fänge gerät, hat seine Ursache allerdings nicht nur in der geschickten Art, mit der sie Betonungen und Synkopierungen verteilt, im Fall von „schleicht sich“ liegt das vor allem daran, wie sie das so einfache wie schlagende rhetorische Mittel der Wiederholung gebraucht. Zuerst meint man, es mit einer Villanella zu tun zu haben. Bald aber stellt sich heraus, dass die Wiederholungen bei Rinck keinem festen Schema folgen. Die Wirkung ist nicht weniger zwingend. Das Gedicht setzt in Schleifen fort: „und viel schneller als die ahnung regt sich/und so zaghaft wie das gleichnis schleicht sich/insgeheim die letzte möglichkeit, was jetzt noch kommt/zu den wünschen der verzicht, dass es vorbei gegangen ist/erschreckt allein durch mäßigkeit./es könnte sein. es ist.“ Nicht alle Gedichte in Rincks Band Verzückte Distanzen vollziehen die Bewegung vom Werden zum Sein so überzeugend. Vielfach laden sie zur Verzückung ein, halten den Leser dann aber doch durch abrupte Brüche oder irritierende Vokabeln auf Distanz. Auch scheint die Auswahl von 39 Texten, die „Verzückte Distanzen“ versammelt, nur einen Ausschnitt aus Rincks lyrischem Kosmos zu bieten. Gerne würde man noch etwas mehr erfahren, erlesen. Tobias Lehmkuhl

Monika Rinck: Verzückte Distanzen. Verlag zu Klampen, Springe 2004. 48 Seiten, 17 Euro.

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