Kultur : KURZ & KRITISCH

Jörg Königsdorf

REVUE

Wenn Sängerknaben lächeln

Der Titel hat es in sich: Denn das Wiener Lächeln kann vieles verbergen – von niederträchtigster Heuchelei über tiefste Melancholie bis zu traumseliger Verzückung. Zumindest für Barrie Kosky verbirgt sich in dieser Bewegung der Mundwinkel das Geheimnis der Wiener Mentalität. Die Revue-Fantasie, mit der der australische Regisseur seiner Wahlheimat Reverenz erweist, ist eine durchaus ernste Angelegenheit. In Dämmer getaucht ist die Bühne der Komischen Oper , wo die Produktion des Wiener Schauspielhauses im Anschluss an Koskys „Figaro“-Inszenierung (Tagesspiegel v. 25.1.) kurz gastiert, die Abstellkammer einer untergegangenen Epoche, in der drei halbverblichene Ballprinzessinnen müde auf ihren letzten Tanz warten. Eine spukhafte Szenerie, in der auch die Wiener Sängerknaben wie wundersam geschrumpfte Repräsentanten einer verfremdeten K.u.K.-Herrlichkeit wirken. Eine Gespensterstunde, doch dann treten Rap und „We Will Rock You“ neben „In dulci jubilo“, stürmen die 24 Jungs in Shorts und T-Shirt über die Bühne, trommeln zündende Rhythmen auf leeren Blechfässern. Das Lächeln wird zum Lachen. Befreiend, und gar nicht mehr so wienerisch.

* * *

KUNST

Wenn Künstler beißen

Der Haifisch hat Zähne. Wer im Künstlerhaus Bethanien den Ausstellungsraum von Damien Deroubaix betritt, dem fällt zunächst ein Reihe blitzweißer Beißerchen ins Auge. Das dazugehörige Pappmaché- Tier thront auf Ständern. Ein tierischer „Messias“, wie eine Beschriftung nahelegt? Oder ein Kadaver auf dem Weg allen Fleisches? Der Ausstellungstitel spielt jedenfalls auf Verrottung an: Let There Be Rot (Mariannenplatz 2, bis 6.2.). Spaß im Leichenschauhaus verspricht die raumgreifende Installation, in der Deroubaix eine Mischung aus Pop Art und Monstrositätenkabinett zelebriert. Der 1972 in Lille geborene Franzose betreibt nicht bloß Entertainment mit brachialen Mitteln, wie seine in morbidem Blaugrün und Schwarz gemalten Papierbilder zeigen. Im Stil von Underground-Comics posieren Lackleder-Dominas und Wachhunde vor Lagerzäunen. Schwarze Glühbirnen hängen herab, Chiffren für politische Folter. Den Zusammenhang zur Irak-Invasion, zu Guantanamo und Abu Ghraib legen verfremdete Sternenbanner und andere US-Insignien nahe. Ein Künstler zeigt Zähne. Jens Hinrichsen

0 Kommentare

Neuester Kommentar