Kultur : KURZ & KRITISCH

Michael Zajonz

ARCHITEKTUR

Rückversicherung

beim Meister

Karl Friedrich Schinkel wird von Architekten noch immer gern als Vorbild in Anspruch genommen. Über keinen anderen Baumeister des 19. Jahrhunderts wurde so viel geschrieben wie über den 1841 gestorbenen preußischen Architekten. Dabei verraten die Äußerungen oft mehr über den Zeitgeist als über ihren Gegenstand. Barry Bergdoll , als Co-Kurator der Ausstellung zu Mies van der Rohe im Alten Museum in Berlin bestens bekannt, hat Schinkels Wirkungsgeschichte zum wissenschaftlichen Lebensthema gemacht. Der an der New Yorker Columbia University lehrende Kunsthistoriker breitete nun als Fellow der American Academy sein stupendes Wissen über Wege und Irrwege der Schinkelrezeption aus. Schinkel bleibt ein Dauerbrenner für architektonische Modernisten und ihre Gegner. Schon Herrmann Muthesius sah 1902, im Rückblick auf das vergangene Jahrhundert, in ihm „den letzten Architekten“ vor dem Verfall. In den Zwanzigerjahren erlebte die Schinkelei ihren Höhepunkt. Mit Blick auf Peter Behrens und Mies van der Rohe erklärte die Kritik Schinkel und seinen Schüler Ludwig Persius zu Protomodernen. Die Nazis missbrauchten die sparsamen Preußen als Vorläufer ihrer „neuen deutschen Baugesinnung“. Und Schinkel bleibt die ideale Projektionsfläche. Nach Bergdolls Vortrag stritt man wieder einmal darüber, was Berlin heute gut täte: Schinkels abstrakte Struktur oder sein – inzwischen nostalgisches – Dekor.

* * *

THEATER

Suche nach Liebe

in der Einsamkeit

Flucht aus der Stadt. In einem Ferienhaus am See, waldumstanden, wollen sich Ruth und Nick finden. Sie suchen Klarheit über eine mögliche Liebe. Die Hoffnung ist, dass Einsamkeit in der Natur und märchenumwobene Erinnerungen an die Kindheit bei einer Entscheidung helfen könnten: Die Wälder , das 1977 uraufgeführte Stück des besonders durch „Oleanna“ bekannt gewordenen amerikanischen Dramatikers David Mamet , kam jetzt als Gastspielproduktion an der Vaganten-Bühne heraus. Mamet gibt dem Gespräch der jungen Leute auf der Veranda, am Tage, in der Nacht und wieder am Tage, zunächst eine große, fast lastende Ruhe, eine scheue Vorsicht, ein zögerndes Suchen nach Nähe. Daniel Krauss, Regisseur der Aufführung auf der kargen, detailgenauen Bühne von Jan Müller, misstraut dieser Ruhe aber vom ersten Satz an. Anna M. Eger spielt die Ruth mitreißend als quirlig-aufgedrehtes Mädchen, mit ungebremst trotzigem Temperament, voller Unruhe bis in Arme, Hände, Finger hinein. Eine junge Frau, die sich Welt und Menschen nach ganz eigenen Vorstellungen malt. Die kapriziöse, anstrengende Aggressivität dieses Menschenkinds trifft auf die grüblerische Verschlossenheit des Partners. Markus Kunze als Nick bleibt, von schnell abklingenden Heftigkeiten abgesehen, unaufgeregt, in sich ruhend, dunkel. Durch den raschen Rhythmus des Spiels und vehemente Streichungen kommt das Stück mitunter aus dem Gleichgewicht. Verstörendes, Geheimnisvolles, Ungewisses löst sich zu schnell auf durch die lustvolle Redseligkeit der jungen Frau. Das Auseinanderbrechen einer seltsamen Beziehung verliert so seine Rätselhaftigkeit (wieder am 22. und 23. Februar, jeweils 20 Uhr). Christoph Funke

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben