Kultur : KURZ & KRITISCH

Frederik Hanssen

OPERETTE

Im Harem sitzen

heulend die Eunuchen

„Mein Weib geht mit mir selber fremd – und ich bin nicht dabei!“ 1916 war Leo Falls Rose von Stambul für das kleinbürgerliche Operettenpublikum der Gipfel erotischer Fantasie: Die Türkin Kondja Gül hat eine Liebesbrief-Affäre mit dem Schriftsteller André Lery, wird aber vom Vater gezwungen, ihren Landsmann Achmed zu heiraten. Der europäisch erzogene Backfisch wehrt sich erbittert, flieht gar aus der Zwangsehe zu ihrem „Franzosen“ nach Kitzbühl – und muss im dritten Akt doch klein beigeben. Weil ihre zwei Männer ein und derselbe sind: Achmed veröffentlicht seine Romane nämlich unter dem Pseudonym Lery. Wo könnte man heute diese Multikulti-Dreiecksgeschichte besser erzählen als an der Neuköllner Oper ? Arrangeur Paul Brody hat die walzerselige Partitur mutig umgekrempelt, kombiniert zu Klarinette, Cello und Klavier Darbouka, Kanun und Oud, Hans-Peter Kirchberg präsentiert mit seiner Band einen rhythmisch richtig heißen k.u.k.-Ethnosoundtrack. Nur schade, dass sich Yüksel Yolcu so gar nicht auf eine szenische Modernisierung einlassen wollte. Der Regisseur verschanzt sich hinter dem „Märchen“-Libretto und inszeniert solide eine possierliche, aber harmlose Boulevardkomödie: Immer an der Wand lang statt „Gegen die Wand“ – gemessen am Anspruch der Neuköllner Oper ist das eigentlich zu wenig. Andererseits steht eine so charmante Darstellertruppe auf der Bühne, dass man dem Team über weite Strecken gar nicht böse sein mag (Aufführungen bis 13. März).

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KLASSIK

Tschaikowskys

Schatten

Michael Tilson Thomas eilt der Ruf voraus, ein großer Musikvermittler zu sein. Unverkrampft und doch intellektuell, sieht mancher in MTT einen würdigen Bernstein-Nachfolger. Dieser Lennie-Appeal sorgt für viel Jugend auf den Podiumsplätzen und schürt die Erwartung an das reine Tschaikowsky-Porträt, das er mit den Philharmonikern einstudiert hat. So gewaltig wie die Spannung zwischen den Stücken, zwischen Paraderasseln, Salongeflüster und alpinem Extremklettern, so kräftig möge die Persönlichkeit des Komponisten in der Philharmonie aufleuchten. Allein, Tilson Thomas lässt die Musik vorüberziehen wie den Sarg eines Verstorbenen, mit dem einen keine tieferen Emotionen verbinden. So donnert der Krönungsmarsch direkt in die musikalische Asservatenkammer, um bei Bedarf gegen Tschaikowsky verwendet zu werden. Das wäre unter Umständen noch gerecht, doch beim Violinkonzert kommt es auf dem Podium fast zu Handgreiflichkeiten. Joshua Bell , der so zart schmelzend, so beredt, so hingebungsvoll durch diese Musik wandelt, springt auf die Philharmoniker zu, als wollte er sie dazu bringen, endlich MTTs trübes Taktieren zu ignorieren. Und ihm dorthin zu folgen, wo Töne noch Welten öffnen. Eine virtuose Verzweiflungstat – ohne Folgen. MTTs Manfred-Symphonie verwandelt die Alpen in bleierne Hügel und Sinnen und dumpfes Brüten. Ein unterbelichtetes Tschaikowsky-Bild (noch einmal heute, 20 Uhr). Ulrich Amling

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FILM

Sind so

feine Hände

Die Kamera blickt von oben auf einen Tisch voller Brotscheiben. Frauenhände greifen nach ihnen, bestreichen sie mit Butter und legen sie zurück. Währenddessen sprechen die Frauen über Sex. Genauer: über ihren ersten Sex. Denn die Schnittchen in diesem Wohnzimmer im tschechischen Brno sollen bei nichts Geringerem als einem Entjungferungs-Happening gereicht werden.

Oblinka hat Standa bei einem Sport-Turnier kennengelernt, und nach langverliebtem Briefewechseln soll es nun am Wochenende geschehen. Deshalb haben sich all ihre Freundinnen in der Nachbarwohnung einquartiert und stehen mit Rat, Tat und eben Schnittchen zur Seite. Um diese Beischlafpremiere oszillieren in Vladimír Moráveks hinreißender Komödie Sex in Brno (in den Kinos Balazs. Hackesche Höfe, Kant) vier weitere Paare, die auf skurrile Weise im Bett landen. Im Original heißt der Film „Langeweile in Brno“: Tatsächlich geht um Sex und Langeweile – und um die Komik, wenn sich beides unfreiwillig mischt. Unübersehbar knüpft Morávek mit seinem Schwarz-Weiß-Werk an die Filmtraditionen des Prager Frühlings an. Schon damals hatten Milos Forman und Jiri Menzel mit sozialem Scharfblick und skurrilem Humor die Untiefen sexuellen Begehrens erforscht. „Sex in Brno“ ist durch und durch liebenswert: sorgfältig ausgestattet, originell fotografiert, mit uneitlem Spiel und sanfter, sehr tschechischer Selbstironie. Martin Schwickert

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