Kultur : KURZ & KRITISCH

Jens Hinrichsen

KLASSIK

Vom Glück des

stummen Schweigens

Oft haben Sänger es ja nicht leicht mit dem Publikum, wenn die Hörer mitten in einen Liedzyklus hineinklatschen oder überhaupt mehr das Event bejubeln als die Sängerleistung. Bei Thomas Hampson in der Deutschen Oper ist das anders. Das Haus ist voll besetzt, die Berliner kleben bei jedem Pianissimo an Hampsons Lippen, rutschen beim strahlenden Forte an die Stuhlkante, applaudieren gleichsam seismographisch. Noch wenn der amerikanische Bariton seinem fantastischen Klavierbegleiter Wolfgang Rieger am Schluss einen Blumenstrauß zuwirft, setzt das Klatschen einen Moment aus, als gäbe es einen jener kunstvollen Atembögen zu bestaunen, mit denen Hampson zuvor das Auditorium in seinen Bann geschlagen hat.

Jedes Lied bekommt bei Hampson seine eigene Farbe. Fahle Klänge sind es vielfach bei Liszt. Grandios hauchen Solist und Begleiter dessen Ballade von den „Drei Zigeunern“ Leben ein, um dann mit Dvoraks „Zigeunermelodien“ in eine ganz andere, weniger brüchige Klangsphäre einzutauchen. Hampson gibt sich dem strömenden Melos mit tänzerischer Körpersprache hin. Mahler „Lieder eines fahrenden Gesellen“ hat sich Rieger auf beeindruckende Weise zu eigen gemacht; Hampsons Kürstück ist der Liedzyklus ohnehin. Im Finalstück gestaltet er den Abschied von Lieben, Leiden und Leben mit berührendem Legato. Nach so viel Wahrhaftigkeit bietet ein Bukett aus Strauss-Liedern Erholung, mit reichlich Oberflächenglanz und Kulinarik. Und doch – „und auf uns sinkt des Glückes stummes Schweigen“ – mit welcher Inbrunst vermag Hampson die letzten Phrasen des Liedes „Morgen“ auszuhauchen. Da bleibt auch das Publikum für lange, köstliche Sekunden ganz still. Auch eine Art von Applaus.

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THEATER

Leg dich hin –

es hat ja doch keinen Sinn

Das Hebbel am Ufer ist mittlerweile die Hochburg der No-Dance-Bewegung. In naher Zukunft werden hier wohl nur noch so genannte „Lectures“ abgehalten und keine Aufführungen mehr gezeigt werden. Denn HAUsrecht genießen die Konzept-Künstler unter den jungen Choreografen, die das Nachdenken über ihre Kunst, den „Diskurs“, voranbringen wollen. Der Österreicher Philipp Gehmacher demonstriert mit „incubator“ (noch einmal am 30.1.) nun eine besonders gnaden- und humorlose Spielart des Konzept-Tanzes: Der ist nicht nur ermüdend für den Betrachter, der scheint von sich selbst ermüdet zu sein. Der ganze Abend steht unter einem Ausdrucksverbot. Die vier Tänzer wirken in sich verkapselt, abgedichtet gegen jede Form von Kommunikation. Ein schlaffer Arm, eine verkrampfte Hand, eine hochgezogene Schulter: Gestaltungswillen wie gestische Kraft sind aus diesen Körpern gewichen. Diese – das ist das eigentlich Verblüffende – haben nichts mitzuteilen, zu verraten oder zu verbergen. Auch die eingespielten Film-Soundtracks tauchen die rudimentären Bewegungen nicht in anderes Licht. Blickdicht und bedeutungsresistent sind diese Körper. Nicht zu entziffern. Selbst wenn ein Tänzer den anderen berührt, passiert nichts. Also legen sie sich immer wieder hin – hat ja eh alles keinen Sinn. Sandra Luzina

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