Kultur : KURZ & KRITISCH

Sybill Mahlke

KLASSIK

Wovon römische

Helden träumen

In größter Sorge um ihre Existenz machen sich die Berliner Symphoniker – in Koproduktion mit dem Mozartfest Luzern – um den „Sogno di Scipione“ verdient, bislang eine absolute Rarität. Das Projekt geht auf den bisherigen Intendanten Thärichen und den Dirigenten Alois Koch zurück. Scipios Traum ist kein romantischer wie der Elsas oder Käthchens von Heilbronn. Als wahres Bildungsgut des Abendlandes hat er einen Jahrtausend-Weg hinter sich. Der fängt an bei der Vita des Eroberers von Karthago, reicht über Cicero hin zu Metastasios Nachdichtung zu Ehren Kaiser Karls VI., bis der 16-jährige Mozart den Text für die Inthronisation des Salzburger Erzbischofs Colloredo vertont hat. Uff!

Es ist ein überraschend glücklicher Nachmittag in der Philharmonie, weil das „Festspiel“, dem Mozartexperten wie Abert und Paumgartner wenig Chancen gaben, mit einem studentischen „Chor römischer Helden“ und dem motivierten kleinen Orchester unter Koch zu spannender Vitalität erweckt wird. Ein Huldigungsstück gewiss, dessen wechselnde Adressaten uns nichts mehr angehen. Aber was der siegreiche Feldherr träumend erfährt, von seinen Ahnen beraten und von Glück und Beständigkeit umworben, das hört sich prächtig an. Denn das historische Denken hat der Gegenwart neue Freude an der Seria-Koloratur beschert. Der tugendhafte Scipio (ein Tenor von dramatischer Leichtigkeit: Jörg Dürrmüller) zieht Costanza – mit einer „Felsenarie“ à la Fiordiligi – der sprunghaften Fortuna vor, indes Malin Hartelius und Lisa Larsson, beide aus Schweden, Königinnen reinen Soprangesangs sind.

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KUNST

Autoren sind

auch bloß Egoisten

Hacker knacken Computerprogramme, oft nur um zu zeigen, dass sie es können. Wenn Hacktivisten hacken, dann aus politischer Überzeugung. „Hacktivismus ist eine Geisteshaltung“ ist mit schwarzer Farbe an die Wand des Kunstraumes Bethanien (bis 27. Februar, Di–So 12-19 Uhr, Künstlerhaus Bethanien, Mariannenplatz) gepinselt. hack.it.art heißt die Ausstellung, ein Versuch politischen Aktionismus im Umfeld von Netzkunst und Medien in Italien zu zeigen. Gummibänder spannen sich wie ein Netz über die Köpfe der Besucher. An einem Computer kann man sich Rechte freie Software runterladen. Über die Bildschirme flimmert ein aus Filmschnipseln zusammengesetztes Video „Planet of the Arabes“.

Die Aktionen, Video- und Computerinstallationen der „hack.it.art“ üben Gesellschaftskritik, die sich vor allem gegen eines richtet: Monopole, wirtschaftliche, politische und auch intellektuelle, wie das Urheberrecht. „Originalcopie“ steht auf den CDs, die man beim digitalen Memory gewinnen kann. Die (H)Aktivisten lehnen jede Autorschaft ab, auch die eigene. Anstelle eines Namens ist lediglich eine Internetadresse angegeben. Ein Seitenhieb auf das Künstler-Ich – auch das ein Monopol, ein Privileg weniger Talentierter auf künstlerisches Schaffen. Hacktivisten zerhacken bestehende Systeme, um sie durch eigene zu ersetzen. Das versuchen sie auch mit der Kunst, die ihnen nur noch als Plattform dient, sich und ihre politschen Ziele außerhalb der Netzwelt zu präsentieren. Doch die meisten (H)Aktionen bleiben vom Bildschirm als Darstellungsmedium abhängig, den Sprung in den realen Raum schaffen sie nicht. Vanessa Loewel

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ARCHITEKTUR

Zart flimmern

die Treppenstufen

Wohl zu keiner anderen Zeit verfügte das Theater in Deutschland über eine vergleichbare Bedeutung wie in der Weimarer Republik. Es war das Medium des Aufbruchs, dem alle anderen Künste zustrebten. Auch die Architektur suchte den Dialog, und so nimmt es kein Wunder, dass der Architekt Hans Poelzig nicht nur die Ausstattung für den legendären Stummfilm „Golem“ schuf, sondern auch Bühnenentwürfe lieferte. Eine Auswahl dieser Blätter aus den Jahren 1923–27 ist nun im Pavillon der Galerie Aedes East zu sehen (Hackesche Höfe, Rosenthaler Straße 40/41, bis 3. März) .

Poelzig war mit dem Umbau des Großen Schauspielhauses zu einer expressiven „Tropfsteinhöhle“ selbst zum Theaterarchitekten geworden. Zusammen mit Max Reinhardt plante er eine Inszenierung des „King Lear“. Doch die Aufführung, für die er eine große Treppenanlage entwarf, fand nicht statt. An der Schnittstelle zwischen seinen architektonischen Arbeiten und eigenständigen Kunstwerken liegen auch die wunderbar zarten Pastellkreiden, die Poelzig für eine Inszenierung des „Sommernachtstraums“ fertigte. Wie flirrende Irrlichter huschen die leuchtenden Farben über das Papier. Die Blätter geben einen kleinen Vorgeschmack auf die große Poelzig-Ausstellung, die derzeit von der Akademie der Künste vorbereitet wird. Jürgen Tietz

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