Kultur : KURZ & KRITISCH

Peter Laudenbach

THEATER

Psychogramme

der Macht

Leicht angeekelt denkt der kultivierte Herr an der mit Spirituosen überladenen Tafel über das Leben nach. „Es gibt Menschen, die glauben von Geburt an an nichts.“ Tiefes Ausatmen. „Das hindert sie aber nicht daran zu handeln.“ Noch tieferes Seufzen. Der depressive Grübler ist, Kulturpessimismus hin, Misanthropie her, ein Profi. Und als solcher macht er sich keine Illusionen. Was einerseits für die Karriereplanung vernünftig ist, andererseits zu Anfällen von Lebensekel führt. Jeroen Willems , einer der großen Schauspieler des europäischen Theaters, führt in seinem Monolog Zwei Stimmen nach Texten Pier Paolo Pasolinis im Berliner HAU1 sehr komisch und brutal Psychogramme der Macht vor. Übertriebene Menschenliebe ist den Figuren, die er mit lustvoller Bösartigkeit zeichnet, ebenso fremd wie der Wunsch, gemocht zu werden. „Ich bin ein Mann der Öffentlichkeit, ich bin also gezwungen, zu lächeln, wie es scheint“, konstatiert ein anderer Herr, den Willems als gelangweilten Haifisch der Politik porträtiert. Machtausübung ist ein anstrengender Job, kein Wunder, dass ihre Mechanismen mürrisch rekapituliert werden. Kein Glamour, kein Rausch der Macht, nur die Diktatur der grauen Funktionsgesetze: „Das Wesen meiner Macht macht es notwendig, dass ich im Dunkeln bleibe.“ Pause. „Und tatsächlich bleibe ich auch dort.“ Komischer Höhepunkt: Die Begegnung eines korrupten Intellektuellen mit Gott, der sich als Tunte offenbart. Gespenstischer Höhepunkt: Die authentische Rede eines Shell-Managers, die an intellektueller Brillanz und Menschenverachtung alle literarische Fiktion Pasolinis hinter sich lässt.

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KUNST

Tischkultur

der Mächtigen

Wenn in weniger guten Historienfilmen die Verschwendungssucht der Mächtigen bebildert werden soll, dann rückt Edelmetall ins Bild: güldnes Tafelgerät, gleißende Kandelaber. In Schatzhäusern wie dem Dresdner Grünen Gewölbe kann man sehen, dass dergleichen bei Hofe tatsächlich üblich war. In Preußen tickten die Uhren bekanntlich anders. Von welchen Tellerchen hat also Friedrich II. gegessen, jener aufgeklärte Monarch, der sich selbst als philosophierenden Kostverächter sah?

Die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten in Potsdam zeigt unter dem Titel Zu Gast an der Tafel des Königs erstmals im Schloss Sanssouci Teile eines silbernen Tafelservices, das der Goldschmied Johann Christian Lieberkühn d.J. um 1750 für das Weinbergschloss gefertigt hat (bis Ende April). Acht Gedecke des ursprünglich über 500 Teile umfassenden Geschirrs sind im Marmorsaal arrangiert. Noblesse oblige: Einfache Profile umspielen den Tellerrand, die Leuchter sind sparsam mit Rocaillen dekoriert. Nur Terrinen und Wärmeglocken prunken mit plastischem Weinlaub. Nobel auch das Engagement, mit dem einige der auch nach 1918 dem Haus Hohenzollern verbliebenen Geschirrteile zurückerworben wurden. Dank einer Zwischenfinanzierung durch die Bremer Kunsthandlung Neuse und finanzieller Förderung der Berliner Lottostiftung konnte das königliche Silber auf einer Londoner Auktion Ende 2002 für die Schlösserstiftung gesichert werden. Michael Zajonz

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