Kultur : KURZ & KRITISCH

Vanessa Loewel

KUNST

Der Großstadtmensch

ist nur ein Schatten

Den Skizzenblock hat sie auf ihren Streifzügen durch das Hannover der Zwanzigerjahre immer dabei. Grethe Jürgens ist 20 Jahre alt, als sie 1919 ihr Kunststudium beginnt. Wie viele ihrer Generation ist sie fasziniert von der Großstadt, in die gerade die Moderne Einzug hält. Hier findet sie die Motive, an denen sie sich ausprobiert und mit denen sie ihr Skizzenbuch füllt. Achtzig Jahre lang blieben die ersten Werke dieser Hauptvertreterin der Neuen Sachlichkeit in Hannover unentdeckt. Jetzt sind die kleinformatigen Blätter im Verborgenen Museum (Schlüterstr. 70, bis 20. März, Katalog 8,50 €) zu sehen. Mit kräftigen Strichen wirft sie die nur spärlich von der Straßenbeleuchtung erhellten Häuserschluchten auf das linierte Papier; Fabrikschlote ragen drohend hinter dicht gedrängten Wohnhäusern auf; Straßenbahnen durchqueren die Stadt. Der Großstadtmensch ist häufig nur ein schwarzer Schatten, der mit Schiebermütze oder Regenschirm durch die Straßen huscht. Teilweise sind die Kohle- und Bleistiftzeichnungen mit Aquarell und Gouache ausgemalt: Dann steigt grüner Dunst aus den Schornsteigen, Lippen bekommen ein ungesundes Gelb – die Skizzen sind Zeugen einer Suche nach künstlerischem Ausdruck und eigenem Stil. Noch muten sie expressionistisch an und lassen wenig von den detailgenauen Ölgemälden mit der klaren Linienführung erahnen, mit denen sie als Malerin der Neuen Sachlichkeit bekannt werden sollte. Doch die Motive der spät anerkannten Malerin sind die der jungen Kunststudentin geblieben: die Großstadt und ihre Bewohner.

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THEATER

Vergessen Sie

den Sinn!

Noch trennt ein roter Vorhang im großen Saal des Tacheles die Welt der Zuschauer und des Medizinstudenten (Patrick von Blume) von den Verrückten. Er reist 1830 nach Südfrankreich, um ein human geführtes Irrenhaus zu besuchen. Doch hinter dem Vorhang verbirgt sich eine festlich gedeckte Tafel. Bevor der Gast das Maison de Santé (frei nach einer Erzählung von E. A. Poe, bis zum 13. Februar, jeweils Do. bis So. 20 Uhr) besichtigen darf, lädt der Direktor (Dominik Bender) zum Diner mit der „feinen Gesellschaft“. Kunstvoll verweben die Schauspieler des Theaters Zum Westlichen Stadthirschen und des Theaters Thikwa ihre Balladen und karnevalesken Reden, die sie während des Mahls zum Besten geben, mit Poes Texten. Normale spielen Verrückte, behinderte Schauspieler spielen Normale, die aber vielleicht doch verrückt sind: Von der impulsiven Prinzessin (Heidi Bruck) und dem pausenlos quasselnden Gartenarchitekten (Torsten Holzapfel) bis hin zur zwischen Verklemmtheit und Überschwänglichkeit gefangenen Nichte (Anna-Katharina Andrees) reicht die Palette der Charaktere in Werner Gerbers Inszenierung. Sie spielen sich in den Wahn, jeden Abend ein bisschen anders, bis die Sirene dröhnt und das goldene Licht mystisch-blauem Dunkel weicht. Der Zuschauer ist angenehm irritiert, der Student wird – weil er alles genau hinterfragt – selbst verrückt. „Vergessen Sie den Sinn, dann gibt es auch keinen Wahn mehr“, beruhigt ihn der Direktor. Susanne Wallentin

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