Kultur : KURZ & KRITISCH

Frank Noack

KINO

Zwei Personen suchen

einen Ausgang

Der Chirurg Lawrence (Cary Elwes) und der Fotograf Adam (Leigh Whannell) kommen in einem schmuddeligen Toilettenraum zu sich, an je einem Bein angekettet. Zwischen ihnen liegt ein toter Mann mit zertrümmertem Schädel und einem Diktiergerät in der Hand. Wer hat dieses gruselige Stillleben arrangiert? Die Originalstory, die Regisseur James Wan und Hauptdarsteller Leigh Whannell sich ausgedacht haben, ist nicht wirklich originell. Man kennt die Grundsituation aus einem anderen soliden Low-Budget-Thriller, aus Vincenzo Natalis The Cube . Dort waren sechs Personen in einem High-Tech-Würfel gefangen, hier nur zwei Personen in einem renovierungsbedürftigen WC. Das völlige Fehlen von moderner Technik gibt den Männern ein falsches Gefühl von Sicherheit. Es kann doch nicht so schwer sein, sich aus diesem primitiven Gefängnis zu befreien.

James Wan wäre ein Meisterwerk des Genres gelungen, hätte er sich auf die Perspektive der beiden Männer beschränkt. Doch er entwickelt Nebenhandlungen, wahrscheinlich nur, um den Film auf 100 Minuten strecken zu können. Der Film verliert an Dichte. Obwohl er weiterhin spannend ist und weh tut, entwickelt er sich zu einem beliebigen Routineprodukt.

* * *

ARCHITEKTUR

Und ewig lockt

die Shopping-Mall

Angesichts der ermüdenden Monotonie der immergleichen Discounter-Filialen und Baumärkte liegt die Chance des Einzelhandels allein im Erlebnis beim Einkaufen. Schließlich waren Kaufhäuser und Geschäfte von jeher mehr als nur profane Gebäude für den Warenumschlag. Noch heute umweht sie im besten Fall der exotische Hauch ferner Basare, und sie sind klingende Orte der Verführung und des lustvollen Umschmeichelns der Kunden. Ein Schmeicheln, das bereits bei der Architektur beginnt. Eine Ausstellung in der Galerie Aedes East (Hackesche Höfe, Rosenthaler Straße 40/41, bis 3. März) zeigt am Beispiel von Nordrhein-Westfalen, wie eine solch anregende Handelsarchitektur aussehen kann.

Hervorgegangen aus einem Wettbewerb der Initiative StadtBauKultur NRW , reicht das Spektrum der ausgezeichneten Bauten von Richard Meiers großem Peek-&-Cloppenburg-Kaufhaus in Düsseldorf – natürlich in dem typischen Meier-Weiß – über die markante Plastik eines Möbelfachmarkts der Architekten Bolles+Wilson in Münster bis zum Umbau eines kleinen Schmuckgeschäfts von Igel Architekten, ebenfalls in Münster. Die Botschaft der Ausstellung ist klar: In dem Maße, in dem der Handel die qualitätvolle Architektur als Werbefaktor und Imageträger für sich (wieder-)entdeckt, wird auch die Baukultur im Lande belebt. Und auch da hat bekanntlich nicht nur NRW Aufholbedarf. Jürgen Tietz

KUNST

Prinz Genji

liebt den Luxus

Buddha trägt bittere Züge. Und während Konfuzius säuerlich dreinblickt, wirkt nur Laotses Antlitz optimistisch. In Wirklichkeit konnten die drei asiatischen Religionsgründer unmöglich zusammentreffen. Doch der unbekannte japanische Künstler des 15. Jahrhunderts vergleicht hier nicht bloß drei Physiognomien, sondern divergierende Weltentwürfe. Seine Hängerolle ist das früheste Objekt in der Schau Heilige und Helden – Japanische Figurenmalerei im Museum für Ostasiatische Kunst , die einen thematischen Bogen bis ins 20. Jahrhundert spannt (Lansstraße 8, bis 22. Mai). Leichter als der Heilige nimmt ein anderer Typ Mensch die Klippen des Lebens: der Held, den seine Getreuen begleiten. Sie ziehen seinen prachtvollen Wagen durch das Kaiserreich. Eine solche Szene zeigt ein Stellschirm aus der späten Momoyama-Zeit (17. Jahrhundert), eine Epoche des Luxus und der Prunksucht. Die „Erzählung des Prinzen Genji“ gehört zu den berühmten Epen japanischer Literatur. Geschrieben hat sie die Adlige Murasaki Shikibu (978-1016), deren Konterfei auf einer Tuschezeichnung des 18. Jahrhunderts abgebildet ist. Wer darin den „japanischen“ Pinselschwung zu schätzen weiß, wird sich auch für das „Action Painting“ des Malers Inoue Yuichi (1916–1985) erwärmen. Auf zwei mal drei Metern prangt sein expressiv-verdichtetes Schriftzeichen aus schwarzer Tinte. Die Arbeit wirkt, wie sie heißt: „Gô“ – großartig, eindrucksvoll. Ein trefflicher Abschluss der Ausstellung Jens Hinrichsen

* * *

KLASSIK

Ein Holländer

fliegt nach Schottland

„Ich sei’s, die dich durch ihre Treu erlöset!“, jubelt Senta. Und zwar einen ganzen Ton höher, als es Wagner-Fans gewöhnt sind. Bruno Weil hat die Urfassung des Fliegenden Holländers für die Deutsche Harmonia Mundi eingespielt, genau so, wie der Komponist die „romantische Oper“ 1841 in Paris niedergeschrieben hatte: Ort der Handlung beispielsweise war zunächst Schottland, nicht Norwegen, Erik hieß noch Georg, Daland war Donald. Die Cappella Coloniensis spielt auf historischen Instrumenten, es kommen sowohl Naturhörner als auch Ventilhörner zum Einsatz, bei Sentas Ballade wurde das ursprüngliche a-Moll respektiert. Was die Aufnahme aber auch für Nicht-Musikwissenschaftler interessant macht, ist die Klangästhetik des Wiener-Klassik-Spezialisten Bruno Weil: Alles wirkt hier schlanker, leichter, ohne dass Abstriche bei der Dramatik gemacht werden müssten. Mit seinen hervorragenden Solisten – Astrid Weber ist Senta, Terje Stensvold singt die Titelpartie – macht er deutlich, dass beim frühen Wagner durchaus auch Einflüsse der deutschen Spieloper und des italienischen Belcanto zu finden sind. Frederik Hanssen

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben