Kultur : KURZ & KRITISCH

Ulrich Amling

KLASSIK

Darüber

nur die Sterne

Als William Christie im Herbst 2002 sein Debüt bei den Berliner Philharmonikern gab, hatte sein Auftritt durchaus einen demonstrativen Charakter. Simon Rattle will das Repertoire seiner Musiker erweitern, mehr Barock, mehr Französisches wagen. Sein erster Mitstreiter bei dieser heiklen Mission hieß Christie. Dass der Wahlfranzose aus Buffalo auch der bislang glücklichste und folgenreichste Gastinstrukteur auf dem Philharmoniker-Podium ist, kann man bei seinem zweiten Besuch schon während der ersten Takte erleben. Mit der Ouverture zu Rameaus Oper „Castor und Pollux“ öffnet sich ein wunderbar lichter Klangraum, in dem Ornamente so zart gearbeitet sind, dass sie nie den Blick auf die Gesamtanlage verstellen. Alles changiert, ist dem Spiel von Licht und Schatten unterworfen, darüber nur die Sterne. Dass auf dieser musikalischen Bühne Menschen vom egomanischen Wüten schließlich zur Güte gelangen – die mit sichtbarer Begeisterung aufspielenden Philharmoniker vermitteln davon eine leuchtende Ahnung. Christies subtiles Verständnis für Stimmen strahlt bei jedem Takt aus dem Chor seines Ensembles Les Arts Florissants in die Philharmonie aus und gipfelt innig im Credo aus Haydns Missa Sancti Nicolai. Mit Mozarts 31. Symphonie begibt sich Christie dann in Gefilde, in denen die Philharmoniker hörbar stärker eigene Klangvorstellungen hegen. Es knirscht schon mal, aber mit viel Esprit. Schon wünscht man sich Christie zurück (noch einmal heute, 20 Uhr).

* * *

ARCHITEKTUR

Respekt

vor der Realität

Mehr als 170000 Besucher haben die Friedrich-Christian-Flick-Collection besichtigt – und das Brückenbauwerk betreten, das den Hamburger Bahnhof mit den neu hinzugekommenen Rieckhallen verbindet. Die Architekten dieser Brücke wie des gesamten Umbaus der Rieckhallen bilden das junge Berliner Büro Kühn Malvezzi. Mit der Arbeit für Flick sind sie ins Rampenlicht getreten, nachdem sie Eingeweihten bereits durch ihre Adaption einer ehemaligen Brauerei für die Kasseler documenta von 2002 aufgefallen waren. Zum Umbau der Rieckhallen liegt jetzt eine kleine Monografie vor, die allerdings mehr will, als nur das Gebäude und seinen Umbau vorstellen (Axel Sowa, Hrsg.: Friedrich Christian Flick Collection im Hamburger Bahnhof. A Space for Contemporary Art. Junius Verlag, Hamburg 2005, 96 S., 24,90 €). Das Trio Simona Malvezzi sowie Johannes und Wilfried Kühn, seit 2001 in Büropartnerschaft vereint, sieht seine Arbeit nüchtern: „Das Konzept der Refunktionalisierung der alten Bausubstanz (der Rieckhallen) besteht in der gleichmäßigen Behandlung des Vorgefundenen.“ Eben: Es sind neutrale, kunstdienliche Räume, die der Betrachter vorfindet. Und genau in diesem Sinne ist der Umbau der Rieckhallen als gelungen zu bezeichnen. Die gewollt expressive Brücke ist nur eine gestalterische Dreingabe. Bernhard Schulz

* * *

FILM

Die coolsten Jobs

in ganz Nordhessen

„Security into your hands“ hieß der Slogan, mit dem die nordhessische Biodata GmbH in einem letzten Aufbäumen versuchte, ihre Handyverschlüsselungssoftware „Babylon-Mobile“ erfolgreich auf den Markt zu bringen. Zur Präsentation gibt es ein Model mit blauem Pagenkopf, eine allegorische Performance in künstlichem Discodunst und eine feurige Ansprache des „Chefvisionärs“. Alles auf provinziellem Weltniveau, eben. Doch man mag es kaum glauben, fünf Jahre ist es erst her, da war die Biodata der Shooting Star am deutschen Börsenhimmel und ihr Gründer Tan Siekmann wurde als deutscher Bill Gates gehandelt. Ein Jahr später war die Biodata AG pleite und 300 Mitarbeiter verloren ihren Job. Siekmann schaffte es, sich einen Anteil der Konkursmasse zurückzukaufen. Drei Jahre lang versuchte er, eine schrumpfende Zahl zweifelnder Mitarbeiter bei Stange zu halten. Die haben seit Monaten schon keine Gehalt mehr gesehen: Eine notwendige Investition in die Zukunft der eigenen Arbeitsplätze meint der Chef – und die seien immerhin „die coolsten in ganz Nordhessen“. Es ist diese zweite Phase des langsamen Niedergangs nach dem Crash, die Klaus Sterns Dokumentation Weltmarktführer – Die Geschichte des Tan Siekmann beschreibt. Nur im Rückblick werden die euphorischen Erfolgsmeldungen der Boomzeit noch einmal zitiert. Denn so erspart sich Stern das vorhersehbare Auf und Ab der Geschichte und kann seinen Stoff vom Zentrum der Implosion nach außen entwickeln. Und umgekehrt: Vom Offensichtlichen zu den eher abstrakten Dingen, die erst im Laufe geduldiger Beobachtung zu Tage treten. Dabei gelingt Stern, was nur wenige überhaupt versuchen, komplexe ökonomische Vorgänge dokumentarisch zu zeigen, ohne sie auf Personalien zu reduzieren. Natürlich ist der Film auch das Porträt eines erstaunlich banalen Kindskopfes, der selbst in schlechten Tagen nicht daran denkt, den geliebten Porsche aufzugeben. Dass am erstaunlichen Höhenflug der Biodata kriminelle Energie kräftig mitgearbeitet hat, daran lässt Stern keine Zweifel. Bis zum Abschluss der Dreharbeiten letzten Herbst waren allerdings alle Versuche erfolglos, Siekmann juristisch das Handwerk zu legen (Central, fsk am Oranienplatz ). Silvia Hallensleben

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben