Kultur : KURZ & KRITISCH

Isabel Herzfeld

KLASSIK

Es wandert

ein Ton

Am spannendsten war der Anfang. Nicht nur nach dem Lacher, den eine punktgenau zum ersten Paukenschlag platzende Glühbirne hervorrief, knisterte die zu ungewöhnlicher Nachmittagsstunde auch mit jungen Leuten gut gefüllte Philharmonie vor Aufmerksamkeit. Paavo Järvi zelebrierte das Orchesterwerk „Zeitraum“ des estnischen Landsmannes Erkki-Sven Tüür als ebenso brillante wie sensible Klangstudie: Da wandert ein Ton durch alle Instrumentengruppen des Deutschen Symphonie-Orchesters, macht in langer Dauer ebenso die Zeit wie in fluktuierender Auffächerung den Klangraum erlebbar. Wenn gezackte Rhythmen zum Schluss daran erinnern, dass der Komponist früher in einer Rockband spielte, fügt sich das mühelos in eine fassliche und doch nicht simple Struktur. Tüür steht damit für einen „dritten Weg“ zwischen streng konstruierender Avantgarde und eher publikumsfreundlichem Traditionsbezug, der gerade in Osteuropa gerne beschritten wurde. Wenn Dmitri Schostakowitschs Cellokonzert Nr. 1 (1959) nach tiefernst gespanntem Kopfthema Stalins Lieblingslied zitiert, kann Järvi sich gar nicht genug tun an grell-ironischer Akzentuierung. Der Dirigent, der Lyrisches in so weiten Atembögen, so fein und duftig ausformen kann, dreht auch in Béla Bartóks „Konzert für Orchester“ allzu sehr an der Temposchraube, so dass etwa dem „Spiel der (Instrumenten)-Paare“ die amüsante Deutlichkeit fehlt.

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