Kultur : KURZ & KRITISCH

H.P. Daniels

POP

Spitze Schuhe und

springende Messer

22 Uhr im gut gefüllten Magnet und „one-two-three-four“: vier englische Jungs lassen es krachen. Heftig. Laut. Leidenschaftlich. Gitarren. Bass und Schlagzeug. Es klingt nach Merseybeat der frühen 60er. Nach den Kellergewölben des Liverpooler „Cavern Club“. Nach Hamburg St. Pauli: „Top Ten“, „Kaiserkeller“, „Star Club“. Spitze Schuhe tippen den Rhythmus. Gitarrenakkorde wie Springmesser. Nic Armstrong , in Ringelhemd, schwarzer Lederjacke und Pilzkopf hat für sein Debütalbum „The Greatest White Liar“ ein paar feine Songs geschrieben, ganz im Geist der frühen britischen Beat-Jahre. Betörende Melodik, mehrstimmiger Satzgesang, fröhlich vorwärts hämmernde Rhythmik. Und gelegentlich härterer Rhythm & Blues mit schreiender Mundharmonika. Nic kreischt sich die Seele aus dem Leib. Aggressiv, aber dann auch wieder fast unschuldig charmant. Mit viel Hall auf der Stimme lässt er an den jungen Lennon denken. Kein Song länger als drei Minuten.

„One-two-three-four“, da ist der nächste. Zwischendurch eine Ballade. Nic Armstrong solo: Gitarre und Stimme. Früher in der Schule habe er kaum ein Wort rausgebracht, sagt der Schüchterne. Seit er mit seinen eigenen Songs auf der Bühne stehe, sei es besser. Musik als Therapie. Im letzten Oktober war Armstrong im Vorprogramm von Paul Weller zu hören, im Akustikgitarren- Duo mit Shane Lawler, der heute Bass spielt. Und die Weller-Fans haben den 24-Jährigen aus Newcastle sofort ins Herz geschlossen. Jetzt erleben sie ihn mit kompletter Band. Und werden nicht enttäuscht vom ehemaligen Kunststudenten und seinen Mitstreitern, die sichtlich größten Spaß an ihrer Sache haben. Nach einer Stunde waren 20 wunderbare Songs runtergeknallt.

FILM

Harmonien und

Hässlichkeiten

Von Freiheit, erklärt Béla Tarr , verstehe er nicht viel. „Ich bin ihr nie begegnet. Ich habe Ungerechtigkeit gesehen und Demütigung und jede Menge Hässlichkeit. Und ich weiß, was Menschenwürde ist.“ Doch da hält der ungarische Filmemacher am Sonntag im Arsenal schon den Andrzej Wajda Freedom Prize der America Cinema Foundation für sein bisheriges Werk in Händen. Und sein polnischer Kollege Andrzej Wajda hatte ihn als Protagonisten eines Weltkinos gepriesen, das die Trennung zwischen politischem Engagement und künstlerischer Selbstbehauptung überflüssig mache. „Seine Protagonisten können sich nicht von sich selbst befreien – wie wir alle. Und das unabhängig vom politischen oder sozialen System.“ Das zeigen seine stilprägenden Filme alle drei: die „Verdammnis“ von 1988, der siebeneinhalbstündige „Satanstango“ von 1994 und „Die Werckmeisterschen Harmonien“ aus dem Jahr 2000: in Zusammenarbeit mit dem Schriftsteller László Krasznahorkai entstandene Schwarzweiß-Apokalypsen, die sich von seinen Anfängen als John Cassavetes des sozialistischen Realismus stark unterscheiden.

Insofern ist Béla Tarr der ideale Preisträger der mit 5000 Euro dotierten Auszeichnung, die dem politischen Film aus Mittel- und Osteuropa gilt und bisher unter anderem an die Ukrainerin Kira Muratova, den Tschechen Jan Svankmajr und den Russen Alexander Sokurov ging. „Wir Regisseure“, räumt Wajda ein, „die wir politische Filme realisieren, orientieren uns dermaßen an den Zuschauern, dass wir manchmal ganz bewusst Überlegungen zu formalen Fragen des Kinos übergehen. Oft denken wir vor allem daran, wie unser von der Zensur geschwächter Schrei die Zuschauermassen im Kino erreicht.“ Gregor Dotzauer

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