Kultur : KURZ & KRITISCH

H.P. Daniels

FOLK

Mord und Totschlag

im Grenzgebiet

Das Palais der Kulturbrauerei ist bestuhlt, alle Plätze sind besetzt. Ein würdiger Rahmen für June Tabor , die große Lady des britischen Folk-Songs. Ganz ungeschminkt steht sie in der Bühnenmitte, mit graumelierten Haaren, brauner Lederjacke, sackartigen Pumphosen und filzgrauen Ökostiefeln. Wirkt etwas schmallippig streng, wie eine Gewerkschaftsführerin – und singt zauberhaft: traditionelle Folkballaden über die Schattenseiten des Lebens, gebrochene Herzen. „If there is a silence“ singt Tabor, und ihre beiden Begleiter halten inne, kurz, für den Bruchteil einer Sekunde: Stille. Seit ihren jungen Jahren hat sich Tabor besonders für die alten britischen Folk-Tales interessiert, für poetische Songgeschichten mit mehr als 20 Strophen. Wie die Ballade von „Sir Patrick Spense“, dem verwegenen Seemann, der bei stürmischer See mit Schiff und Mannschaft untergeht. Oder Geschichten von Raub, Mord und Totschlag im schottischen Grenzgebiet. Die warme tiefe Altstimme klingt makellos, jeder Ton, jede Silbe auf dem richtigen Punkt. Zwischendrin plötzlich ein angejazzter Bossa- Nova. June Tabor kann alles singen. Doch wie auf ihrem neusten Album „An Echo Of Hooves“ hält sie sich diesmal mehr an die Traditionals. „Wer June Tabor nicht gerne hört, sollte besser ganz aufhören, Musik zu hören“, hat Elvis Costello einmal gesagt. Wie Recht er hat.

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AUSSTELLUNG

Links gen Himmel,

rechts zur Hölle

Am Fuß der Treppe schaut man nach oben – ins Paradies. „Am Fuß der Treppe“ heißt auch die neue Ausstellungsreihe in der Studiengalerie der Berliner Gemäldegalerie , das jüngst durch ein wiederentdecktes Mozart-Portrait von sich reden machte. Seit Jahresbeginn wird dort monatlich ein Werk aus dem Depot geholt, bis Ende Februar ist es das um 1535 entstandene Votivbild zweier Chorherren von St. Severin zu Köln von Anton Woensam . Vor einem Renaissanceportal knien die Chorherren, die es für ihr Seelenheil gestiftet haben, hinter ihnen der heilige Severin und Johannes der Täufer. Der Portalbogen gibt den Blick auf das Jüngste Gericht frei: Christus richtet über die auferstandenen Toten, links streben nackte Leiber gen Himmel, rechts droht die Hölle. Der Stiftung einer Altartafel und der damit verbundenen Messen lag stets die Hoffnung auf einen Platz im Paradies zugrunde – in Woensams Werk wird sie zur Bildidee. Der Hauptmeister der späten Kölner Malerschule orientierte sich in Komposition und Figurenauffassung an Dürer: mittelalterlich unverblümte Heilserwartung in künstlerisch modernem Gewand. Man wünschte sich häufiger so intelligente kleine Akzentuierungen des eigenen Bestandes. Michael Zajonz

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