Kultur : KURZ & KRITISCH

H.P. Daniels

JAZZ

Mein Präsident

und mein Gefährte

Draußen ist man froh, dass man das Haus 13 im Pfefferberg gefunden, dass man sich in der Düsternis des bröckeligen Treppenaufgangs nicht die Knochen gebrochen hat. Drinnen ist man froh über feste Winterjacken und Schals. Das Publikum steht rum, dick eingepackt, es ist saukalt in diesem wenig einladenden Laden. Doch dann ist das alles egal, die unwirtliche Umgebung vergessen. Wenn die amerikanische Singer-Songwriterin Dayna Kurtz ihre alte Gibson-Gitarre umhängt und hawaiierig mit dem Bottleneck über die Saiten schliddert. Spätestens bei den ersten Tönen ihrer tiefen, fast männlichen, bluesgetränkten Stimme wird es einem warm ums Herz und angenehm flau im Magen. „The sink is full, the plants gone yellow, oh love, where did you go?“ singt sie. Und wie einsam und verloren man sich fühlen kann im Septemberregen in Amsterdam. Diese außerordentliche Stimme, oft verglichen mit der von Nina Simone und anderen Jazzgrößen, hat längst eine unverwechselbare eigene Identität entwickelt. Dayna versteht es trefflich, den Gefühlen entsprechend fein zu dosieren: die leisen, fast in der Stille verwehenden Töne der Trauer und Melancholie bis hin zur scharfen, schreienden Attacke. Die enttäuschte Abrechnung mit verflossenen Liebschaften und ihrem einstigen Idol, Beat-Autor Jack Kerouac. Ihr Gesang in einem zur blauen Jazzballade umgedeuteten Countrysong von Johnny Cash gleicht dem eines Saxophons. Eine berauschende Version des Prince-Songs „Joy In Repetition“. Und zwischendrin immer wieder kleine witzige Bemerkungen, etwas scheu dahingenuschelt, aber in der Gewissheit: „most of you speak better English than my president!“ Nach siebzig Minuten verabschiedet sich Dayna mit einem ihrer schönsten Songs, „Love Gets In The Way“, von einem sichtlich verzauberten Publikum.

* * *

ROCK

Nicht alles aus Britz

ist echt

Was für eine nette Begrüßung. „Hey, Alter, wir sind die Teenagers aus Britz!“, schreit der Sänger in feinstem Neuköllner Slang ins Mikrofon. Sekunden später hacken fünf Männer auf ihre Gitarren ein und springen über die Bühne. Der eine trägt Basketball-Klamotten, der andere eine Gummi-Maske. Fünf Herren, fünf Kostüme, eine Band. Nicht die Teenagers aus Britz, sondern die Beatsteaks aus Kreuzberg. Die Berliner Punkrocker hatten am Dienstagabend in der Columbiahalle nicht nur den Part der Hauptband übernommen, sondern auch den der Vorband. So ungewohnt der Anfang, so überraschend war auch der Schluss. Als die 3500 Fans nach Mitternacht übers Parkett sprangen, stolperten und sich einander zuwarfen, griff Beatsteaks-Sänger Arnim noch einmal zum Mikrofon und kündigte „den allerbesten Rocksong aller Zeiten“ an – „Sabotage“ von den Beastie Boys, perfekt gecovert, hart und kraftvoll. Was dazwischen war, nun ja, vergessen wir es. Von vielen als eine der besten Live-Bands gefeiert, lieferten die Beatsteaks eher einen durchschnittlichen Auftritt ab. Vielleicht lag es am Ort: In der Columbiahalle haben die Beatsteaks ihre vier letzten Solokonzerte heruntergespielt. Aber immerhin war der Auftritt für einen guten Zweck. Die Erlöse von mehr als 60 000 Euro kommen den Opfern der Flutkatastrophe zu Gute. Ach, und was auffiel: Die vielen Kameras im Publikum. Im Sommer wollen die Beatsteaks ihr zehnjähriges Bestehen feiern und eine DVD veröffentlichen. Ein Geburtstagskonzert wird es wohl geben, hoffentlich woanders. In Britz zum Beispiel. André Görke

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