Kultur : KURZ & KRITISCH

Jörg Königsdorf

KLASSIK

Höfliche

Harmonien

Bevor Seiji Ozawa sein Konzert mit den Philharmonikern beginnt, begrüßt er erst einmal alle Musiker, die in Shakehands- Reichweite sitzen – eine Lockerungsübung in gegenseitiger Sympathie. Er ist der Höflichste von allen. Die Mischung aus Verbindlichkeit und Respekt prägt auch Ozawas Umgang mit der Musik: Der 69-Jährige ist kein Pultautokrat, der den Tönen Blut, Schweiß und Tränen abtrotzt, sondern ein Vermittler, der eine Sinfonie zum harmonischen Gruppenerlebnis macht. Die sarkastischen Spitzen, der grelle Aufschrei, das elektrisierende Ungestüm, die Kennzeichen der klassischen (russischen) Schostakowitsch-Interpretation, sind ebenso wenig seine Sache wie die forcierte Rhetorik, mit der Harnoncourt, Norrington und Co. die Werke der Wiener Klassiker vitalisiert haben. Haydns 98. Sinfonie repräsentiert für Ozawa eine ungetrübte Welt unschuldiger Späße, in der selbst eine moll-Eintrübung wie die Durchführung des ersten Satzes nur ein harmloses graues Wölkchen am strahlend blauen Himmel ist. Wie William Christie in der vergangenen Woche sitzen auch bei Ozawas Haydn nur knapp vierzig Philharmoniker auf dem Podium – doch im Gegensatz zu dessen feinperlender Spritzigkeit sucht Ozawa die Seele der Musik in der Tiefe des Klangs. Spätestens bei Schostakowitsch findet er sie auch: Zwischen der lastenden Schwärze der Kontrabässe und den körperlos vergeistigten Höhen der Geigen legt Ozawa die Einsamkeit einer Seele frei, gewinnt den Philharmonikern einen makellosen, gemeinsam gefühlten Klang ab: Die Bläsersoli nehmen die Farben der Streicher wie selbstverständlich auf, hundert Musiker verschmelzen zu einer Stimme. Schmerz wie Trauer werden in höherer Harmonie aufgehoben. Omm!

THEATER 1

Kinder mit

Schrotflinten

Wenn Jugendliche Amok laufen, verlangt die Gesellschaft Erklärungen. Und die bekommt sie auch, egal, ob in Littleton oder Erfurt. Psychologen liefern Ad-hoc-Analysen der leistungsgedrückten Schüler-Seele, investigative Kinderzimmerschänder graben nach Gewaltvideos, die aus Musterzöglingen Ego-Shooter machen. Doch „das mit den Gründen“, wie es in der rasant zusammengesampelten Textcollage Smash! des Berliner Autors Kai Schubert heißt, „das ist eigentlich nicht so leicht zu erklären.“ Weswegen er es auch gar nicht erst versucht, sondern auf der Grundlage von biografischem und dokumentarischem Mörder-Material einen satirischen Don-Quixote-Ritt gegen die Schlagworte und Totschlagargumente der Ursachenforscher unternimmt. Die Regisseurinnen Daniela Kranz und Jenke Nordalm, die seit Jahren erfolgreich als Duo arbeiten, richten die Schnellschuss-Prosa in den Sophiensälen als pädagogikfreies „Projekt zum Thema Gewalt“ ein. Auf spartanischer Bühne, die zugleich Klassenzimmer und Talk-Manege signalisiert. Vier agile Schauspieler – Christopher Novak, Matthias Rott, Axel Sichrovsky und Tim Lang – nehmen da etwa die Perspektive eines Robert Steinhäuser ein und veranstalten abwechselnd munteres Gemeinplatz-Gebolze im Wissenschaftler-Jargon. In der zweiten Hälfte angeleitet durch die Betroffenheits-Dompteuse „Miss A.“ (Ute Baggeröhr), die peitschenknallend ein bisschen Amok-Show zelebriert. Zwar gefällt sich der Abend zu sehr in Tabula-rasa-Zynismus und Musik-Mätzchen. Doch gelingt es schließlich, die Brücke von der Polemik zum Pathos zu schlagen und berührend die Sinnlosigkeit der Motivsuche zu vermitteln, die Schicksale in Statistiken pressen will. Patrick Wildermann

THEATER 2

Liebesnest im

Autowrack

Langeweile und Lieblosigkeit bekämpft Harold, ein reiches Jüngelchen, mit schöpferischer Depression. Er arrangiert phantastische Selbstmorde, die immer gut ausgehen. Zufällig trifft er auf Maude, eine fast achtzigjährige Frau, für die es bürgerliche Konventionen nicht gibt, dafür die bedingungslose Hingabe an ein freies, fröhliches, gelöstes Dasein. Colin Higgins (1941–1988) hat in seiner Tragikomödie Harold und Maude aufgeschrieben, wie aus der Begegnung der Ungleichen eine Liebe wird, leicht, beschwingt und über den Tod erhaben. Mag die kleine, rührend märchenhafte Geschichte – durch Hal Ashby’s Film von 1971 und dann als Theaterstück weltweit bekannt geworden – heute verschroben und ein wenig naiv wirken, für Schauspieler ist sie immer noch ein Glücksfall. Deshalb hat Bernd Mottl in der Tribühne ganz auf seine Protagonisten Regine Lutz und Andreas Bisowski gesetzt. Regine Lutz (Jahrgang 1928) übernahm die Rolle der Maude für die erkrankte Miriam Goldschmidt, in nur vierzehn Tagen. Mit ihrer Maude liefert sie eine begeisternde Hommage an das Leben. Flink, mit jugendlicher Elastizität (Kopfstand!) turnt Regine Lutz über die vom vielbedeutenden Autowrack bestimmte Bühne (Jürgen Kirner), ihr ganzes Wesen atmet Neugier, Offenheit, Abenteuerlust. Diese Maude ist eine blitzgescheite Spitzbübin im Seniorenalter, hinreißend kokett und dann wieder ganz nachdenklich, still und versonnen, mütterlich ohne jeden sentimentalen Hauch. Andreas Bisowski zeigt das Staunen des so viel Jüngeren über dieses zauberische Wesen, das Herausfinden aus pubertärer Verklemmtheit zu Selbstbewusstsein angenehm schlicht und verhalten. (Bis 12. März und vom 5. bis 30. April außer montags). Christoph Funke

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