Kultur : KURZ & KRITISCH

Sybill Mahlke

OPER

Gelegenheit

macht Freude

Betritt ein Diener mit Tablett und Tigerfell die Bühne, so sind wir heutigen Zuschauer darauf geeicht, „Dinner for One“ zu assoziieren. Gleich wird er über den Kopf des Tieres stolpern.

Tut er aber nicht, weil Regisseur Florian Lutz so weise ist, es bei der Andeutung zu belassen. Mit Rossinis „Gelegenheit macht Diebe“ hat er eine Burletta inszeniert, die das Publikum im Saalbau Neukölln zu hellem Jubel animiert (wieder am 16., 18., 19. Februar). Eine absurde Jagd auf zwei Ladendiebe durch eine Legion von Polizeiautos (Video: Sirko Knüpfer) entfacht die Verwechslungskomödie um Brautpaare, die einander vorher nicht kannten. Lutz fügt dem Stoff Aspekte des berüchtigten europäischen Heiratsmarktes bei, ohne auf die soziale Tube zu drücken. Die Farce ereignet sich in einem traulichen Wohnwagen (Ausstattung: Pia Wessels/Andrea Nolte), nimmt Elemente der Commedia dell’arte und des mechanischen Spielwerks auf, bis das kontrollierte Chaos ausbricht und die Bretter der Szenerie auseinander knallen. Die Inszenierung folgt mit ihren fantastischen Einfällen den Rossinischen Steigerungen, die quellfrisch vom Linos Kammerorchester unter Marco Comin kommen. Wie eine Geburt des Frühlings, blumenumkränzt, tritt die lyrisch begabte Sopranistin Olga Peretyatko auf, um an der Seite von Florian Hoffmann, einem Tenor mit Witz und trotzigen Spitzentönen, in venezianischer Gondel zu duettieren. Als Diener mit besagtem Tigerfell sahnt Roman Grübner ab, während sein Herr in Gestalt Konstantin Heintels baritonal schmeichelt. Annerose Hummel versteht sich auf Koloraturen und Marcel B. Sindermann auf einen äußerst zwielichtigen alten Philosophen. Viele Helfer, darunter Alberto Zedda, ermöglichen, dass Gelegenheit junge Künstler promoviert.

KLASSIK

Heilkräuter

saugen Pickel aus

Lederhosen, Wanderschuhe und eine Thermoweste sind genau das richtige Outfit für eine Kräuter-Musik-Werbesendung, findet Birgitta Altermann . Bei Hildegard von Bingen hat sie gelernt, wie man aus Heilkräutern wirkungsvolle Cremes herstellt. Wenn allerdings Clara Schumann oder Prinzessin Wilhelmine von Bayreuth für Pickelcreme und Wundsalbe werben sollen, kann das schon mal daneben gehen. Die Multimusikerin und Kabarettistin spielt, mixt und rappt sich zwischen Flügel und Synthesizer als Madonna out of Bingen im Café Theater Schalotte (bis zum 26. Februar ) durch 900 Jahre weibliche Musikgeschichte. Jahrelang hat Altermann in den musikalischen Schatztruhen von Komponistinnen wie Anne Boleyn, Fanny Hensel-Mendelssohn und Lili Boulanger gewühlt und mit ihrer Texterin Lilly Walden dieses neue Stück kreiert. Dabei erweist sie sich nicht nur als gewiefte Musikerin, sondern auch als glänzende Stimmenimitatorin, wenn sie als Marcel Reich-Ranicki zähnefletschend Camille Saint-Saens zitiert: „Frauen, die komponieren, gleichen einem Hündchen, das auf zwei Beinen läuft.“ Birgitta Altermann verfügt über eine enorme Bühnenpräsenz, da genügen einfachste Requisiten zur Unterstützung, die sie aber umso fantasievoller einsetzt. Aus der silbernen Thermoweste wird kurzerhand eine Nonnenhaube für Hildegard von Bingen, ein Faschingskrönchen und Wotan, ein plärrendes Stoff-Murmeltier sind die Accessoires der resoluten Wilhelmine. Susanne Wallentin

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KLASSIK

Zwerge

tragen falsche Bärte

Die Folgen exzessiven Kinogehens sind viel zu wenig erforscht. Schärfen vier Berlinale-Filme am Tag den Sinn für die Kunst und das Leben? Oder muss man mit dem Tunnelblick-Syndrom rechnen? Die Video- und Performancekünstlerin Anne Quirynen jedenfalls will, dass ihr Publikum in die Röhre schaut. Für das Berlinale-Beiprogramm in der „Black Box Area“ hat sie ein Traum-Teleskop konstruiert: Maximilian’s Darkroom (Kino Arsenal 1, bis 20. Februar, täglich 10-22 Uhr).

Abseits des Kinotrubels steigt man also auf eine Kiste und verschließt mit dem Gesicht die vierte Wand einer Laterna Magica. Gegenüber, am Ende eines schwarzgelackten „Flurs“ leuchtet das Leinwandfenster, auf dem Quirynen und zwei Performerinnen von Iacob und Fritz erzählen. Das sind ulkige Figuren mit falschen Bärten, so zwergenhaft klein, dass sie genau in die Röhre passen. Fritz ist beleibt und neigt zur Trägheit, der hagere Iacob agiert hypermotorisch. Dick und Dünn, Schwarzweiß-Gestalten wie aus der Frühzeit des Kinos. Wo Quirynen diese Puppenmenschen zum kratzigen Klang alter Grammophonmusik tanzen lässt, hat sie ihre Darsteller auf dem Boden liegend gefilmt und schafft mittels Filmtrick eine zappelige Schwerelosigkeit, wie in einem Méliès-Film. Doch Quirynens Video-Kanal ist kein Kabinett für Kino-Nostalgiker. Die mit starrer Kamera gefilmten Zwerg-Szenen kontrastiert sie mit aufwändig montierten Reißschwenks. Und der Slowfox wird von fetziger Perkussion zerrissen. In dem Sechsminuten-Loop steckt viel: Natur und Kultur, Stillstand und Bewegung, High-Tech und Klamottenkiste. So gesehen, öffnet sich „Maximilian’s Darkroom“ doch – zum mikrokosmischen Rundumblick auf die Mittel und Erzählweisen des Kinos. Jens Hinrichsen

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