Kultur : KURZ & KRITISCH

Sybill Mahlke

KLASSIK 1

Holzhäuschen in

Brandenbug

„Es sind noch Lieder zu singen jenseits der Menschen“: Mit den Zeilen des jüdischen Dichters Paul Celan gerät der Phil harmonische Salon um „Albert Einstein in Caputh“ für einen Augenblick aus den Fugen seiner Harmonie. Der Zuhörer, der den Atem anhält, spürt, dass diese „wirklichkeitswunde“ Poesie des 20. Jahrhunderts auch mit Albert Einstein zu tun hat. Ein Moment nur, der indes dem „Salon in einem brandenburgischen Holzhäuschen“ eine schonungslose Tiefendimension verleiht. Götz Teutsch ist der musikalisch wieder sehr souveräne Solocellist, der eine Sarabande von Bach an das berühmte Celanwort bindet, die der Jazz-Gitarrist Helmut Nieberle und die Philharmoniker Karl-Heinz Steffens und Martin Stegner mit zartem Swing umschmeicheln. Programmiertes Aha-Vergnügen kommt im Kammermusiksaal auf, wenn Cordelia Höfer in die Tasten greift, um Einsteins Geldnot mit der „Wut über den verlorenen Groschen“ zu illustrieren.

Es ist das Verdienst dieses literarischen Konzerts, dass im Jubiläumsjahr der Relativitätstheorie auch des Menschen, des humorvollen Dichters, des Gärtners und besonders des Geigers Einstein gedacht wird. Versteht sich, dass in einem Salon um Einstein der Violine eine Hauptrolle gehört: Thomas Timm weiß sie zu nutzen. Otto Sander leiht dem Physiker seine scheinbar kunstlose Stimme, die das „Gefühl des Geheimnisvollen“ und „heilige Neugier“ mit der Kunst beredter Einfachheit umschreibt.

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KLASSIK 2

Reisen in

den Kosmos

„Was erstanden ist, das muss vergehen, was vergangen, auferstehen!“ Gustav Mahlers 2. Symphonie ist ein gewaltiges Drama letzter Fragen. Warum hast du gelebt? Warum gelitten? Der Komponist ahnte: Ohne eine Antwort darauf können wir nicht leben, geschweige denn sterben. Mahlers Gespür für die metaphysische Bedürftigkeit des Menschen und seine alle Glaubensgrenzen überwindende Suche nach Gewissheit, verleihen seiner Musik eine Gegenwart, der sich niemand entziehen kann. Kent Nagano hat sich mit seinem Deutschen Sympho nie-Orchester auf eine akribisch vorbereitete Reise in den Mahler-Kosmos begeben. Klarer hat wohl kein Dirigent das gewaltige Fortschrittsprogramm der Dritten entrollt. Die zweite Symphonie aber, mit ihren offenen Gräbern und Höllenfahrten, spricht stärker aus dem unmittelbaren Erleben des musikalischen Dramas. Doch Naganos kristallklare Deutung bleibt in der Philharmonie ohne zwingende Bilder. Sie verhilft den orchestralen Klangentladungen zu Raum für ungebremste Kollisionen, sie erweitert die Farbpalette um traumhaft schöne Schattierungen. Und lässt doch keinen Zweifel: Mit seinem Glauben steht ein jeder ganz allein. Ein herber Trost. Ulrich Amling

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KUNST

Jerusalem in

der Lausitz

Es ist ein spätmittelalterlicher Themenpark: Mit Kreuzkapelle, Heilig-Grab-Kapelle und Salbhäuschen bildet das Heilige Grab in Görlitz topographisch und architektonisch einigermaßen genau die letzten Stationen der Passion Christi ab. 2004 jährte sich seine Vollendung zum 500. Mal. In der Sächsischen Landesvertretung in Berlin (bis 24. 3., Brüderstraße 11/12, Katalog 13 €) gastiert nun eine Ausstellung des Görlitzer Kulturhistorischen Museums, die die Bau- und Funktionsgeschichte des „Lausitzer Jerusalem“ nachzeichnet: auch eine Werbung für die Neißestadt, die 2010 Kulturhauptstadt Europas werden will.

Bauinschriften behaupten, dass Georg Emmerich die Anlage gestiftet habe. Luther nannte ihn den König von Görlitz, dabei war Emmerich nur Bürgermeister gewesen. Aus einer Görlitzer Kaufmannsfamilie stammend, hatte er als junger Mann die Tochter eines politisch verfeindeten Nachbarn geschwängert. Die Affäre endete nicht vorm Altar, sondern mit Emmerichs Pilgerreise ins Heilige Land. Aus Jerusalem soll er mit den Bauplänen für das Heilige Grab zurückgekehrt sein. Nur: Die Ausstellung belegt, dass diese Görlitzer Romeo-und-Julia-Geschichte nur mittelbar mit dem Bau zu tun hatte. Der Rat der Stadt, nicht Emmerich, ist Auftraggeber gewesen. Zum Familienmonument wurde die Anlage erst in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts, als die Emmerichs in den Reichsadelsstand erhoben wurden und das Denkmal katholischer Passionsfrömmigkeit in ihrem Sinne umdeuteten. Nur so konnte es die Zeiten überdauern. Görlitz hat eine gute Geschichte eingebüßt. Doch die Legende lebt. Michael Zajonz

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