Kultur : KURZ & KRITISCH

Jens Hinrichsen

KLASSIK

Süß oder

sauer

Im Tschechischen bedeutet der Name Smetana so viel wie „Schlagsahne“, im Russischen hingegen „saurer Rahm“. Das passt wohl besser zur Stimmung bei den Berliner Symphonikern , die in der Philharmonie mit bunt gemischtem Programm erneut trotzig gegen die Streichung ihrer staatlichen Förderung anspielten. Improvisation ist gefragt, denn wegen Erkrankung eines Solisten kommt statt Schumanns Klavierkonzert Mozarts Sinfonie Nr. 40 ins Programm. Seufzermotive in g-Moll: kein heiteres Stück. Auch das Orchester verhübscht diesen Mozart nicht, gibt das anfängliche Allegro schroff und den zweiten Satz rhythmisch prägnant. Nur die Hörner kieksen allzu oft, vor allem im dritten Satz. Die junge Gastdirigentin Tanja Goldstein weiß das Ensemble mit präzisen Gesten anzufeuern und hilft auch der Sopranistin Nina Bubach nach Kräften durch Mozart- und Verdi- Arien. In der „Moldau“ schließlich kann man den etwas angerauhten Forte-Klang der Symphoniker monieren, dafür strömt das Melos in lyrischen Passagen umso majestätischer. Vor allem, wo der Flötenklang auf orchestralen Schaumkronen tanzt, tönt das süß und schmeckt wie - „Smetana“.

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KUNST

Vor und

zurück

Gleich beim Museumseingang hält eine finstere Gestalt dem Besucher ein Schild entgegen. „Welcome to Estonia“ prangt mit Druckbuchstaben darauf. Der Aufforderung des tätowierten Schlägertyps möchte man eigentlich nicht folgen. Das Plakatmotiv des estnischen Theaterfestivals 2003 spielt mit dem Vorurteil über Tallinns hohe Kriminalitätsrate und eröffnet zugleich die Ausstellung Re:Design: Europe im Berliner Museum für Kommunikation (bis 6. März), in der sich die acht neuen EU-Staaten mit rund 200 Objekten vorstellen. Die rasante Entwicklung Estlands, dem kleinsten baltischen Staat, steht exemplarisch für die neuen Beitrittsländer: Außerhalb der Hauptstadt steckt das Land noch in der Vergangenheit, Design selbst gibt es nur in Tallinn. Erst seit Anfang der Neunziger arbeiten die dortigen Grafikdesigner mit Computer, was die narrative Ästhetik ihrer Plakate erklärt. Parallel aber hat das Internet größte Bedeutung als Transfer internationaler Designideen gewonnen. Diese Ungleichzeitigkeit führt dazu, dass die Designer Osteuropas einerseits in vergangenen Jahrzehnten stecken, wie die polnischen Handymodelle oder der lettische Spiegelschrank im Stil der Sechziger zeigen, andererseits sprungbereit für das 21. Jahrhundert sind. Falls es der Betrachter erkennt, denn die chaotische Präsentation auf Leitern, zusammengehalten mit gelben Plastikbändern, ist gewöhnungsbedürftig und verhindert eher den Blick auf neue Ideen. Laura Weißmüller

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