Kultur : KURZ & KRITISCH

Kai Müller

POP

Agit-Punk

und Euro-Trash

Es hat etwas Blocksbergartiges, wenn die Chicks on Speed eine Bühne betreten. In lange, wallende Umhänge gekleidet, deren bizarre Neonfarbenpracht im Schwarzlicht schimmert, darunter Minikleider, Netzstrümpfe und Strapse – in derlei wildem Patchwork-Design scheinen sich die drei ehemaligen Münchner Kunststudentinnen Melissa Logan, Alex Murray-Leslie und Kiki Moorse auf eine spirituelle Séance zu begeben. Mit Bewusstseinserweiterung hat ihr Konzert in der Berliner Volksbühne denn auch wirklich zu tun, aber nicht auf übernatürliche Art. Eher auf überirdische.

Zum Auftakt der ersten öffentlichen Präsentation ihres jüngsten Albums „Press the Space Bar“ wird ein Kurzfilm des Trios vorgeführt, „Visitors“, der sie als animalisch zappelnde Aliens bei einem Streifzug durch New York zeigt (Regie: Deborah Schamoni). Danach Walpurgisnacht: Von einer kleinen energischen Band unterstützt, schreien und shouten sich die Artistinnen durch ein Agit-Punk-Programm, das den „Euro Trash“ proklamiert und feststellt: „Der Krieg der Klassen existiert nicht mehr“. Gut, das wussten wir schon. Doch darum geht’s nicht. Obwohl der Kapitalismus „a shoddy set up for suckers“, eine falsche Ordnung für Blutsauger ist, kann seine Abschaffung zu fordern, sehr viel Spaß machen. Wie einst die Mothers of Invention fühlen sich die Frauen einer absurden Theatralik verpflichtet, in der Entertainment und politische Parole zu einem unnachahmlichen Happening verschmelzen. Am Ende stürmt das Publikum die Castorf-Bühne, tanzt und wuselt durch die Kulisse.

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KLASSIK

Freundliche

Beschwörung

Ein Vierteljahrhundert Gewandhauskapellmeister in Leipzig, ein reiches Jahrzehnt Chefdirigent des New York Philharmonic Orchestra, Kurt Masurs Karriere hat viel Erstaunen ausgelöst. Ehrengast überall, beim Israel Philharmonic auf Lebenszeit. Unvergessen sein mutiger Einsatz bei den Leipziger Demonstrationen 1989. Ein Dirigent, der so verehrt wird, füllt große Säle wie den des Konzerthauses bis auf den letzten Stehplatz.

Ein Lieblingsdirigent. Dass bei dieser jüngsten Begegnung leise Enttäuschung aufkommt, hat mit dem Orchester zu tun, an das der Maestro sich seit 2002 gebunden hat. Im Weltmaßstab, den Kurt Masur gewöhnt ist, spielt das Orchestre Na tionale de France keine Hauptrolle. In der Es-Dur-Sinfonie KV 543 herrscht von Seiten des Dirigenten Aufforderung, keine Hektik, aber freundliche Beschwörung.

Die Musiker haben einen Star, und der wird zu Recht überschwänglich gefeiert, weil nach der Pause eine Sinfonie erklingt, die auf ihn und die Bläser um ihn herum zugeschnitten ist: Ein romantisch singendes Horn krönt die Vierte von Anton Bruckner, die „Romantische“. Vielleicht ist der Funke von Masurs taktstocklosem Dirigieren, seiner vibrierenden Körpersprache auf das Orchester noch nicht übergesprungen. Vor allem schwächeln die Violinen. Das Vergnügen, Masur beim Musizieren zuzuschauen, bleibt ungebrochen, weil seine Zeichen so organisch sind, was auch die feinen Schwebungen betrifft, die nicht in der Partitur notiert sind. Sybill Mahlke

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ARCHITEKTUR

Metaphysik

des Verfalls

Der italienische Faschismus hat, anders als Nationalsozialismus oder Stalinismus, niemals einen einheitlichen „Staatsstil“ in den Künsten ausgebildet. Mussolini selbst neigte eher der Moderne zu, während das Regime insgesamt einem klassizistischen Monumentalstil huldigte. Ein wenig beachteter Aspekt der Architektur der Mussolini-Zeit betrifft die Stadt-Neugründungen sowie die Bautätigkeit in den afrikanischen Kolonien. Die Fotografin Donata Pizzi ist seit einigen Jahren auf den Spuren der faschistischen Architektur. Vieles ist verfallen. Das verstärkt jene Stimmung, die sie mit dem Titel ihrer Wanderausstellung, Metaphysische Städte, umschreibt. Nach der Erstpräsentation auf der Triennale in Mailand ist die Ausstellung jetzt im Italienischen Kulturinstitut Berlin zu sehen (Hildebrandstr. 2, bis 30. März, Mo–Do 10-16 Uhr, Katalog bei Skira, 2005, 144 S., 10 €).

Es ist , abgesehen von den Vorzeigestädten im Latium , keine große Architektur, die da in der Provinz sowie „oltremare“ – jenseits des Mittelmeeres – ausgeführt wurde.Verbindendes Merkmal ist weniger eine vage Modernität als die „italianità“, das Italienische – eben das, was de Chirico zwanzig Jahre zuvor zu seinen „metaphysischen Landschaften“ inspirierte. Ein wenig zu sehr sucht Donata Pizzi nach dieser Metaphysik und zu wenig nach der Architektur. Aber schön sind die Bilder. Sie berichten von einer versunkenen Zeit. Bernhard Schulz

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